Buchtipp: „100 Gramm Wodka“, Fredy Gareis

1511_100grammwodkaWas ist Russland? Darauf eine Antwort zu suchen ist einfach, zu finden jedoch unmöglich. Youtube vermittelt uns ein Bild von betrunkenen Männern, die von Mauer zu Mauer torkeln, von Menschen, die sich vor fahrende Autos werfen und versuchen Geld oder Wodka zu erpressen. Die russische Regierung verfolgt eine Politik, die im Westen kontroversiell gesehen wird und ob der Berichte über eingeschränkte Meinungsfreiheit und Menschenrechte immer wieder in der Kritik steht. Aber nun wirklich, was ist Russland? Oder was macht Russland aus? Wer Antworten dazu sucht, sollte mal mit 100 Gramm Wodka beginnen. Das Buch meine ich.

100 Gramm Wodka, Fredy Gareis, Malik Verlag

Offizielle Buchinfo: Was hat es mit dem geheimnisvollen Himbeersee auf sich, an dem seine Großmutter unter Stalin zehn Jahre in einem Straflager war? Wie kam es, dass seine Mutter den Geburtsort »Soda-Kombinat« im Pass trägt? Fredy Gareis wächst als Kind von Russlanddeutschen auf – mit vielen offenen Fragen. Und so macht er sich mit 39 Jahren selbst auf, das Riesenland im Osten zu erkunden. Drei Monate fährt er mit einem alten Militärjeep, mit dem Zug und per Anhalter quer durch Russland, wandelt auf den Spuren seiner Familie, setzt das Puzzle seiner Kindheit zusammen, übersteht Wodkaexzesse, macht hinreißende Zufallsbekanntschaften und versucht nebenbei zu ergründen, wie die Menschen im Land von Putin wirklich denken und fühlen.

csm_produkt-11371_e26b12216f100 Gramm Wodka
Auf Spurensuche in Russland

Autor: Fredy Gareis
ISBN: 978-3-89029-457-5
Seiten: 256
Klappenbroschur
1. Auflage 2015
Piper Verlag
Preis: EUR 14,99 [D]/ 15,50 [A]

Der Autor: Fredy Gareis, geboren 1975 in Alma-Ata, aufgewachsen in Rüsselsheim, hat sich als Putzmann, Taxifahrer, und Barkeeper verdingt. War somit also prädestiniert für eine Journalistenkarriere. Als freier Reporter arbeitete er schon für die Zeit, Tagesspiegel und Deutschlandradio. Von 2010 bis 2012 berichtete er aus Israel und dem Nahen Osten. Für die in der Zeit erschienene Reportage „Ein Picasso in Palästina“ wurde er mit dem Journalistenpreis des Deutschen Kulturrats ausgezeichnet. Fredy Gareis ist Teil des Journalistenkollektivs Follow the Money und ging im Sommer 2015 im Rahmen eines spektakulären Projektes auf die Suche nach Raubkunst (www.kunstjagd.com/).
www.fredygareis.com

100 Gramm Wodka, Fredy Gareis, Malik Verlag

gehlesen

„100 Gramm Wodka“ handelt von einer Reise durch Russland, einer sehr persönlichen und für die Leber sehr intensive Reise. Fredy Gareis macht sich auf die Spuren seiner Vergangenheit und die seiner Vorfahren, flüchtet angetrunken vor der Polizei, landet mitten in einer russischen Hochzeit. Er erfährt, dass die Wände in Russland dünn sind und dass eine neue Benzinpumpe noch keinen fahrtüchtigen Jeep macht, betritt verlassene Städte und verliert sich in Metropolen, verliebt sich in Frauen und den goldenen Herbst am Baikalsee und zittert sich durch den sibirischen Winter. 12.000 Kilometer legte Fredy Gareis auf seiner Reise von St. Petersburg an der Ostsee nach Magadan am Pazifik zurück, mehr oder weniger erfolglos mit einem alten russischen Jeep, großteils mit der Eisenbahn oder mit Mitfahrgelegenheiten. Ein Abstecher in seine Geburtsstadt führt ihn in die Stadt der Äpfel: Almaty in Kasachstan, oder Alma-Ata, wie er es viel lieber bezeichnet. Für den visuell affinen Menschen gibt es in 100 Gramm Wodka auch was zu sehen, in der Mitte des Buches sind auf 24 Seiten Fotografien von der Spurensuche durch Russland zu finden.
Jede Reise, natürlich auch die äußerst abwechslungsreiche und amüsante Tour von Fredy, hat einen Anfang und ein Ende. Und das Besondere der Reise durch Russland? Irgendwie nichts und doch alles.

100 Gramm Wodka, Fredy Gareis, Malik Verlag

Fazit

Es gibt wenige Bücher, welche einen an den letzten Kater nach einer durchzechten Nacht erinnern lassen. „100 Gramm Wodka“ schafft das. Vom russischen Basisgetränk für alle Lebenslagen ausgehend, beschreibt Fredy Gareis nicht nur auf spannende und einfühlsame Art und Weise seine eigene Familiengeschichte, sondern beleuchtet die verschiedenen Seiten der russischen Seele, nimmt dabei den Leser und die Leserin an der Hand und schleppt sie mit auf seine Reise.
Zwischenzeitlich verliert sich nicht nur Fredy fast im riesigen Land, das Lesevergnügen bleibt kurz nach der Hälfte etwas auf der Strecke. Dies ist jedoch nur von kurzer Dauer. Je tiefer Fredy in den sibirischen Winter eintaucht, umso mehr taut er und der Text wieder auf. Nicht überraschend ist das Ende, obwohl es kein Ende ist.
Aber was ist nun Russland? Eine mögliche Antwort dazu findet sich auf Seite 124:

Es sind die Extreme zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Moderne und Supermachtanspruch zum einen und gleichzeitigem inhärenten Verfall zum anderen, die an diesem Land immer wieder faszinierend sind.
Fredy Gareis, 100 Gramm Wodka, S.124

Ich vergebe 9 von 10 Ich-trink-nie-wieder-Sprüchen.

Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar vom Piper Verlag zur Verfügung gestellt.

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