Buchtipp: „Balkan -Geschnetzeltes“, Andrea Wechsler

Vor einigen Tagen saß ich an einem Bahnhof am Land, wartend auf den Zug, lesend im Buch „Balkan-Geschnetzeltes“. Neugierig beäugte mich ein Mann von der Seite, im Augenwinkel konnte ich seinen fast eindringlichen Blick auf mein Buch erhaschen. Kurz ließ ich den Blick vom Buch wegschweifen und er nutzte diesen Moment.
„Darf ich fragen, was Sie lesen?“
Ich zeigte ihm das Buch. „Balkan-Geschnetzeltes von Andrea Wechsler.“
Und dann die Antwort, die mich zum Schmunzeln brachte: „Ist das ein Kochbuch?“
Nein, das Buch ist kein Kochbuch. Steht ja sogar im Untertitel. Als ob Andrea Wechsler wüsste, welche Fragen sich bei dem Buch einstellen würden. Und sie schafft es sogar, diese am Cover zu beantworten. Doch werfen wir gemeinsam einen Blick in den Buchstabentopf und rühren mal ordentlich in „Balkan-Geschnetzeltes“ herum.

Balkan-Geschnetzeltes Andrea Wechsler

Offizielle Buchinfo: Das Ende der Welt liegt in… Europa! Genauer: Auf dem Balkan.
Aber was wissen wir schon über Mazedonien, das die alten Römer „catena mundi“ – das „Ende der Welt“ nannten? Wohl genau so wenig wie über Montenegro – das Land der Schwarzen Berge oder über Albanien, das unter Enver Hoxha jahrzehntelang abgeschottet vom Rest der Welt ein Schattendasein führte. Obwohl diese Länder nur 2000 Kilometer von uns entfernt liegen, sind es hinsichtlich unserer Reise-Erfahrungen wohl eher Lichtjahre.
Andrea Wechsler machte sich mit dem Rucksack auf den Weg durch die drei Balkanländer, „durchwanderte“ sowohl deren Sprachen und Kulturen, als auch deren größtenteils noch unentdeckte Bergwelten.

balkan

Balkan-Geschnetzeltes. Kein Kochbuch
Mit dem Rucksack durch Montenegro, Mazedonien und Albanien

Autorin: Andrea Wechsler
ISBN: 9783959150156
Seiten: 296
Softcover
1. Auflage 2016
Telescope Verlag
Preis: EUR 17,00 [A]
Erhältlich im Online-Shop von freytag & berndt

Die Autorin: 1964 in Dresden geboren. Dimplomlehrerin für Deutsch, Russisch und Deutsch als Zweitsprache sowie Fremdensprachenkorrespondentin für Englisch und Spanisch, absolvierte von 1992 bis 1996 ein Fernstudium an der „Schule des Schreibens“ in Hamburg. Schreibt seit ihrer Jugendzeit Lyrik, Erzählungen, Reisereportagen sowie Reportagen im Sportbereich. Lebt mir ihren zwei Kinden und ihrem Lebenspartner in Dresden, hat sich neben dem Schreiben seit vielen Jahren auch dem Marathonlaufen „verschrieben“.
http://www.autorin-andrea-wechsler.de/

Balkan-Geschnetzeltes

gehlesen

Drei heiße Sommer zwischen 2013 und 2015 umrahmten die Wandertätigkeiten von Andrea Wechsler und Begleitung im Balkan. Montenegro musste hier als erstes Land herhalten und hinterließ einen prägenden Eindruck bei der Autorin. Denn sie schaffte es nicht nur, ein wenig Leben in halb verwaiste Gasthöfe mitten in der Bergwelt zu bringen, sondern speiste auch, ohne es vorher zu wissen, in der globalen Brutstätte des weltbekannten Pršut-Schinkens.
Am Ende jedes Sommertrips listet Andrea Wechsler die Tour tagesgenau auf und geizt auch nicht mit Schnappschüssen. Es ist zu erwähnen, dass diese Touren, auch die folgenden durch Mazedonien und Albanien, keine durchgehenden Wandertouren waren, sondern auch viele Bus- und Taxifahrten von A nach B unternommen wurden. Dies war auch der Grund, warum ich anfänglich etwas mit dem Buch kämpfen musste. Aber mehr dazu im Fazit.

Balkan-Geschnetzeltes

Mazedonien, oh Mazedonien. Der Sommer 2014 führte sie drei Wochen in das unbekannte Land und stellt das ausführlichste Kapitel im Buch dar. Es gab auch genug zu erzählen. Sie machte sich auf die Suche nach Klöstern und fand sie auch. Eine etwas anstrengende Bergtour ließ sie um 5 Uhr früh aus den Federn kriechen und ihr wird versichert, dass sich die Bären in Mazedonien vegetarisch ernähren. Doch was ihr vor allem am Herzen liegt, ist ein Besuch von Nadez, dem Zentrum für soziale Initiative. Hier finden Roma-Kinder ein neues Zuhause, die Bedeutung von Bildung wird vermittelt und den Kindern wird ein Schulbesuch ermöglicht. Andrea unterhält sich mit einigen Kindern, erfährt ihre Wünsche und Träume. Besonders berührend: Ein Jahr später besucht sie das Zentrum abermals und erfährt, was sich in diesem einen Jahr zwischen ersten und zweiten Treffen allerlei verändert und entwickelt hat.
Die Albanien-Tour 2015 erfolgte nicht auf individueller Basis, sondern wurde bei einem Reiseveranstalter gebucht. Ein 74-jähriger Einheimischer führt sie in die Berge, wartet stets auf die trottende Wandergruppe und lässt sich nur von Erdbeeren ablenken. Und Raki gibt’s dann auch noch zum Abschluss.
Ebenfalls im Sommer 2015 fand Andrea Wechsler den Weg nach Mazedonien, „spazierte“ auf den Golem Korab und besuchte die schon erwähnten Kinder von Nadez.

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Fazit Balkan-Geschnetzeltes

Ein umfangreiches und liebevoll geschriebenes Buch über mehrere Reisen in den Balkan. Wie oben schon einmal erwähnt, wurde ich anfänglich mit dem Buch nicht sonderlich warm. Meine Vorstellung war eine andere, als mich das Buch zu Anfang gelehrt hatte. Ich erwartete eine mehrtägige oder mehrwöchige Wanderbeschreibung, durchwandert sie ja mit dem Rucksack die drei Balkanländer – wie es im Rückentext steht. Doch die vielen und auch ausführlichen Beschreibungen von Anreiseerfahrungen, Taxi- und Busfahrten haben meine Füße kaum ins Jucken gebracht. So wollte ich das Buch schon zur Seite legen, als auf acht Seiten die, durchaus abenteuerliche, Anreise nach Skopje beschrieben war. Doch dann kam die Erkenntnis: Das ist kein Wanderbuch, das ist ein Reisebuch. Ich sah das Buch mit ganz anderen Augen, begann wieder von vorn zu lesen und ab dem Moment hatte mich Andrea Wechsler abgeholt und eingefangen. Es war auch für mich selbst eine interessante Erkenntnis, dass ich auf einmal bei Textpassagen schmunzeln musste, in welchen ich zuvor keine Miene verzogen hatte. Also: Alles gut.
Ich mag den Schreibstil von Andrea Wechsler. Amüsant, lieblich, verspielt, abwechslungsreich. Die Autorin nahm mich also an der Hand und führte mich durch den Balkan, teilweise hatte ich das Gefühl, selbst vor Ort gewesen zu sein. Nicht besonders spannend fand ich den Trip nach Albanien, wahrscheinlich auch nur wegen der geführten Wandertour. Doch die Erzählungen über Mazedonien und Montenegro schafften ein Stimmungsbild, welches als Mitteleuropäer, der wie ich noch nie in diesen Ländern war, nur ansatzweise den Vorstellungen entsprach. Und das meine ich im positiven Sinn: Ich weiß nun viel mehr über die Menschen, über die Kultur, die Kulinarik und Kultur dieser Länder. Dass ich mir nach dem Genuss der Reiselektüre schon die Zugverbindungen aus Österreich in den Balkan angesehen habe, sagt wohl alles.

Ich vergebe 8 von 10 Tisch-voller-Essen-Erlebnisse.

Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar vom Telescope Verlag zur Verfügung gestellt. Meine Meinung blieb davon unbeeinflusst.

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