Buchtipp: „Lob des Gehens“, David Le Breton

1510_lobdesgehens

Lob, aus dem althochdeutschen lobôn (verherrlichen, preisen): Ein „Lob des Gehens“ ist also die Verherrlichung der urtypischsten Fortbewegung des Menschen. David Le Breton, Professor für Soziologie an der Universität Marc Bloch Strasbourg, hat sich mit seinem schon im Jahr 2000 veröffentlichten Essay „Éloge de la marche“ ganz dem Thema „Gehen“ gewidmet. Milena Adam hat den Text aus dem Französischen übersetzt ins Deutsche übersetzt und erschien im Matthes & Seitz Verlag, Berlin.

Offizielle Buchinfo: »Das Gehen ist Öffnung zur Welt. Es versetzt den Menschen wieder in das glückliche Empfinden seiner Existenz«, beginnt David Le Breton seine umfassende Beschreibung des Gehens als Lebensform, und genau dieses »glückliche Empfinden seiner Existenz« stellt sich beim Leser auch bei der Lektüre des Buches ein. Le Breton erfasst mit einer Fülle an literarischen Gewährsleuten, von Henry David Thoreau über Nietzsche, Jean-Jacques Rousseau bis zu Patrick Leigh Fermor und Nikos Kazantzakis, die unterschiedlichsten Aspekte und geht dem Gehen auf den Grund: Gehen bedeutet Konfrontation des Körpers mit der Welt, Gehen ist eine Philosophie der Existenz, jedes Gehen wirft den Gehenden auf sich, auf die eigene Identität und den eigenen Platz in der Welt zurück. Le Bretons vielstimmiger Essay ist eine fulminante, glänzend geschriebene Studie des menschlichen Antriebs, des Fortschreitens und Vorankommens.

lobdesgehenslebretonLob des Gehens

Autor: David Le Breton, Übersetzung: Milena Adam
ISBN: 978-3-88221-034-7
Seiten: 190
gebunden mit Schutzumschlag
1. Auflage 2015
Matthes & Seitz Verlag, Berlin
Preis: EUR 19,90 [D]/ 20,50 [A]

Der Autor/Die Übersetzerin: David Le Breton, geboren 1953, lehrt als Professor für Soziologie an der Universität Marc Bloch Strasbourg. Im Mittelpunkt seiner Forschungen steht der menschliche Körper mit seiner Körperlichkeit sowie seinen soziokulturellen, historischen und psychologischen Repräsentationsweisen. Auf Deutsch liegen von Le Breton, der eine „Anthropologie des Körpers“ zu entwickeln sucht, bisher ein Standardwerk zum Schmerz und eine Studie zum Risikoverhalten des Menschen vor.
Milena Adam, geboren 1991 in Hamburg, studierte Deutsche Literatur und Französisch in Berlin. Sie plant, moderiert und dolmetscht Lesungen, insbesondere für das internationale literaturfestival berlin. „Lob des Gehens“ ist ihre erste Übersetzung.

Das Buch im gehlebt-Check

Schlicht und einfach, so wie das Prozedere des Gehens an sich, präsentiert sich der Buchumschlag in gemäßigten Pastellfarben von „Lob des Gehens“, erschienen 2015 in der MSB Matthes & Seitz Berlin Verlagsgesellschaft mbH. Im Gegensatz dazu wird mit dem fast knallorangen Hardcover-Karton ein starker Farbkontrast generiert, genauso farbenfroh und bunt wie die unterschiedlichsten Möglichkeiten des Gehens. Und diese verschiedenen Möglichkeiten des Gehens behandelt David Le Breton in diesem umfassenden Essay.
Nach dem Inhaltsverzeichnis folgt ein Zitat eines bekannten Gehenden vergangener Tage, ein vielzitierter amerikanischer Schriftsteller und Philosoph: Henry David Thoreau. In diesem Essay darf man Schwenke zu Philosophen, bekannten Reisenden und Weltliteratur erwarten, z.B. zu Jean Jacques Rousseau, Robert Louis Stevenson oder Friedrich Nietzsche. Anhand von nummerierten Anmerkungen findet man am Ende des Buches weitere Quellenangaben und eine Bibliographie.
„Das Gehen ist Öffnung zur Welt.“ Eigentlich ist mit dem Eingangssatz von David Le Bretons Essay über das Gehen schon alles gesagt. Da der gehende Mensch sich jedoch nicht mit Oberflächlichkeiten zufrieden gibt, wie auch David Le Breton in einem anderen Kapitel feststellt, interessiert uns natürlich, wie es zur Öffnung der Welt kommt. Im ersten Kapitel behandelt Le Breton die verschiedenen externen Einflüsse und Auswirkungen auf das Gehen. Wie ist es in Gesellschaft zu gehen, wie steht im Gegensatz dazu das Gehen ohne jeglicher Begleitung? Was bewirkt Stille, Gesang und Lärm? Wie geht der gehende Mensch mit Verletzungen um und wann holt der Schlaf den Menschen ein? Natürlich, als Form des Essays, spiegelt der Text die Gedanken von David Le Breton wieder, betrachtet andere Sichtweisen und versetzt sich gedanklich in deren Ausgangssituation. Unterstrichen werden Thesen und Gedanken durch Zitate von oben schon erwähnten dritten Erzählern. Ich gendere hier bewusst nicht, denn es gibt kaum gehende Frauen, die in diesem Essay erwähnt werden. Es hat den Anschein, dass das Gehen, oder das Gehen und darüber Schreiben, von einer reinen Männerszene dominiert ist. Das war es auch, vor allem in der Zeit der großen Expeditionen im 19. Jahrhundert. Obwohl sich mit Alexandrine Tinne eine Frau mit einer eigenen Expedition an der Erforschung der Nilquellen beteiligte – doch dazu lest man im Essay leider nichts.

Lob des Gehens

Nachdem die Gedanken zum Gehen vorerst ad acta gelegt sind, widmet sich Le Breton drei interessanten und besonderen Spielarten des gehenden Reisenden: das Gehen als Expedition. So erzählt der Autor u.a. die Geschichte von Richard Burton und John Speke, welche im Zuge einer Expedition die Quellen des Nilflusses entdecken wollten. Diese Unterfangen im 19. Jahrhundert waren keineswegs ein Kinderspiel, das Gehen war eine Gefahr, ein Risiko. Die einfachste Erkrankung konnte das Ende einer solchen Expedition bedeuten. Es ist heutzutage kaum mehr vorstellbar, welche Mühen diese Menschen hinter sich brachten, ohne wissen zu können, ob diese Reise erfolgreich sein würde oder sie ihre letzte Reise auf Erden antraten.
Der Ausflug in das 19. Jahrhundert mündet direkt in ein Geh-Phänomen der Neuzeit, welches auch mich persönlich sehr aktiv betrifft: das urbane Gehen. Das urbane Gehen lebt von den äußeren Reizen, welche in jeglicher Form auf den Menschen einwirken. Le Breton beschreibt sehr ausführlich und anhand anschaulicher Beispiele, wie das Sehen, Hören, Fühlen und Riechen beim Gehen in der Stadt wahrgenommen werden. Da ich selbst ein Freund des urbanen Gehens bin, und auch Teil der Community WildUrb in Wien bin, habe ich dieses Kapitel mit Freude gelesen.
Zu guter Letzt verschlägt es Le Breton in seiner GEHdankenwelt in die Spiritualität. Gehen hat unweigerlich etwas spirituelles: Kontakt mit dem Boden, Gedankenspiele im Kopf, Leid und Freude. Vor allem Leid war in früheren Zeiten, teilweise auch jetzt noch, ein Ansporn für lange Fußmärsche. Buße tun, für etwas bitten, für etwas danken oder weil eine besondere Pilgerstätte aufzusuchen war.
Ein zweiseitiger Abschluss „der Reise“ schließt den Essay „Lob des Gehens“ von David Le Breton.

Fazit

Natürlich, man muss Gedankenspiele mögen, sich in die Welt anderer hineinversetzen können und auch Meinungen hinterfragen – die der Anderen und die eigene. Die Übersetzungsfähigkeiten von Milena Adam muss ich hier in erster Linie hervorstreichen. Der Text ist sehr gut lesbar, störungsfrei, keine Anzeichen von unschlüssigen Textpassagen. Besonders interessant sind die Querverweise zu anderen Gehenden und zu Erzählungen.
„Lob des Gehens“ ist, wie es der Titel schon sagt, eine Huldigung an die ureigentlichste Form der Fortbewegung des Menschen. Menschen, die kaum bewusst gehen, werden nach der Lektüre kaum zu gehen beginnen, aber vielleicht nachzudenken. Und Menschen, die schon bewusst das Gehen praktizieren, werden in ihrer Einstellung bestätigt und vielleicht in bestimmten Situationen beim Gehen an dieses Buch zurückdenken: Ja, genau so. „Lob des Gehens“ ist ein äußerst anregendes Werk.

Das Gehen ist eine Öffnung zur Welt, die zur Demut und dem begierigen Ergreifen des Augenblicks auffordert.
Lob des Gehens, David Le Breton, S. 64

Ich vergebe 10 von 10 GEHdankenspiele!

Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar vom Matthes & Seitz Verlag zur Verfügung gestellt.

Ein Gedanke zu „Buchtipp: „Lob des Gehens“, David Le Breton

Schreibe einen Kommentar