Buchtipp: „Peregrinatio Compostellana anno 1654“

1405_titelbild_pergrinatio.svgDie abenteuerliche Pilgerreise des Christoph Guntzinger von Wiener Neustadt nach Santiago, wiederentdeckt von Peter Lindenthal

Die ersten nachgewiesenen Jakobspilger erwanderten Nordspanien von Aquitanien und dem Bodenseegebiet ausgehend um das Jahr 930 n.Chr. Ein regelrechter Camino-Boom setzte jedoch erst in den 1970er Jahren ein, mittlerweile ist der Weg in aller Munde und polarisiert. Manche scheuchen den Weg wie die Pest, andere kehren immer wieder zurück. Der Autor Peter Lindenthal gehört zur zweiten Sorte Mensch. Er war von 2005 bis 2010 auf der Spur einer besonderen Pilgererzählung, nämlich jener des Pfarrers Christoph Guntzinger im Jahr 1654 von Wiener Neustadt nach Santiago, und auf anderem Wege wieder retour.

Buchbeschreibung laut Verlag

Dem hl. Jakobus verdanke er sein Leben, schreibt Pfarrer Christoph Guntzinger 1655 in seinem Buch „Peregrinatio Compostellana“: Im Alter von 6 Jahren sei er mit starkem Fieber darniedergelegen, aber als er Wasser aus der Muschel eines Jakobspilgers getrunken habe, seien Fieber und Krankheit augenblicklich geschwunden. Erwachsen geworden, macht er sich schließlich auf die lange Reise von Wiener Neustadt nach Santiago, um das einst von seiner Mutter für ihn abgelegte Gelübde zu vollziehen und „dem hl. Jakobus, dem von Gott gesandten Bewahrer meines Lebens, meine Aufwartung zu machen“.
In der Kutsche und im Sattel, per Schiff und „eher selten“ zu Fuß ist Guntzinger unterwegs. Er reist zunächst über die Steiermark, Kärnten und Friaul zum Grab des hl. Antonius nach Padua, weiter über Mailand nach Genua und von dort mit dem Schiff über das Mittelmeer bis nach Xàbia südlich von Valencia. Weiter gehts über Alicante, Murcia, Madrid und Valladolid nach Nordwesten, um bei Astorga auf den heute klassischen „Camino frances“ zu gelangen. Am 20. Juli trifft Guntzinger in Santiago ein, 3 Monate und 3 Wochen nach seinem Aufbruch.
Unterwegs lässt Pfarrer Guntzinger keinen Wallfahrtsort aus und nimmt für den Segen berühmter Reliquien größere Umwege auf sich, etwa um das heilige Kreuz von Caravaca zu besuchen. Nach dem Besuch von Finisterre reist Guntzinger auf dem Landweg zurück in seine Heimat, über Oviedo, Burgos, San Sebastian, Toulouse, Lyon, Genf und München und erreicht nach insgesamt 11 Monaten wieder Wiener Neustadt.
Der österreichische Jakobswegforscher Peter Lindenthal hat Guntzigners Buch in heutiges Deutsch gebracht und hat seinen Pilgerweg nachvollzogen. Dabei hat er Regionen und Landschaften abseits der touristischen Routen entdeckt, auch abseits der heutigen Jakobswege. Das reich bebilderte Buch ist somit eine Reise in die Vergangenheit, aber ebenso eine Reise auf einsamen Wegen in ursprüngliche Orte und Gegenden.

Peregrinatio Compostellana anno 1654

Das Buch im Detail

In den ersten Seiten erzählt Lindenthal Allgemeines über das Pilgern und im Speziellen über das Pilgern im 17. Jahrhundert. Im Anschluss beleuchtet er sein persönliches „Projekt Guntzinger“ sowie die Person Christoph Guntzinger. Über die Person Guntzinger weiß man relativ wenig. 1614 im Innviertel geboren, 1673 in Wiener Neustadt verstorben. Er war ein großer Marienverehrer, dies merkt man auch an seinen Reisezielen.

Peter Lindenthal hat Guntzingers Beschreibung aus dem Deutsch des 17. Jahrhunderts in das heutige Deutsch übersetzt. Es folgt im Buch nun immer ein Textausschnitt aus Guntzingers Schriften und anschließend ein Kommentar von Lindenthal, unterlegt mit aktuellen Fotografien.
Vor allem einen Abschnitt aus der Einleitung von Lindenthal möchte ich hier kurz wiedergeben, weil ich mich selbst darin gefunden habe:

Die Seele des Menschen kann sich maximal in Gehgeschwindigkeit fortbewegen. Sind wir schneller unterwegs, bleibt unsere Seele verloren zurück…
(Lindenthal, Peregrinatio Compostellana, S.8)

Die Reise Guntzingers nach Santiago war geprägt von einer Kutschenfahrt nach Genua und einer anschließenden Schiffübersetzung nach Xabia, an die spanische Mittelmeerküste. Guntzinger, und auch Lindenthal, sind dem Genuss eines edlen Weines nicht abgeneigt, dies erfährt man u.a. in Friesach: „Der Wein hier kommt aus Italien. Wegen Zoll und Aufschlag teuer – aber gut.“ (S.28)

Peregrinatio Compostellana anno 1654Meist kommentiert der Prälat Guntzinger die Ortschaften, durch die er reist, nur mit einem kurzen Satz, wie das Dorf El Provencio auf Seite 90: „Ein schlechtes Dorf.“ oder bringt auch mal Ortsnamen durcheinander, wie Lindenthal vor allem in Spanien bemerkt.

Eher langatmig präsentiert sich die Beschreibung nach Genua. Es ist mehr oder weniger eine Auflistung von Kirchen und historischen Gebäuden, von Guntzinger und Lindenthal beiderseits. Erst auf spanischem Festland merkt man eine intensive Auseinandersetzung mit der Pilgerfahrt. Vor allem an den Ausführungen Lindenthals erkennt man eine Affinität zu den spanischen Jakobswegen.

Peregrinatio Compostellana anno 1654Die Rückreise nach Wiener Neustadt erfolgt am Landweg über Frankreich und Schweiz und Guntzinger ist teilweise auf Strecken der heutigen Via Tolossana unterwegs. Auch hier hat sich ein Wandel vollzogen, vor allem bei Guntzinger. Seine Pilgerfahrt nahm in Santiago eigentlich ein Ende, nun war ein Heimreisender mit einem bestimmten Interesse für Wallfahrtsorte.

Fazit

Das Buch ist kein Reise- oder Pilgerführer. Es ist ein Stück Abenteuer aus vergangenen Zeiten, welches Lindenthal in die Neuzeit geholt hat. Und ich danke ihm dafür, auch wenn für meinen Geschmack zu viele Kirchen beschrieben werden. Es ist etwas ganz besonderes, wenn man sich auf alte Reiserouten begibt und feststellt, dass sich manche Dinge eigentlich gar nicht geändert haben.
Für Guntzinger hege ich in gewisser Hinsicht Sympathie, auch wenn man sich den Menschen, ob seiner unterschiedlichen Beschreibungen von Orten, kaum vorstellen kann. Aber wer Ortschaften mit solch treffenden und wichtigen Wörtern beschreibt, hat meine Sympathie gewiss: „Ein schlechter Ort, doch es gibt Brot und Wein.“ (S.167)

Ich vergebe 7 von 10 Weinflaschen.

Der Tyrolia Verlag hat mir das Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Herzlichen Dank.

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Buchinfos

9783702233037Titel: Peregrinatio Compostellana anno 1654
Untertitel: Die abenteuerliche Pilgerreise des Christoph Guntzinger von Wiener Neustadt nach Santiago, wiederentdeckt von Peter Lindenthal
Autor: Peter Lindenthal
Jahr: 2014
Verlag: Verlagsanstalt Tyrolia
Ort: Innsbruck
ISBN-13: 978-3-7022-3303-7
Preis: € 24,95 [A/D]

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