Buchtipp: „Das Zen des glücklichen Wanderns“

1411_titelbild_zenIn einer monatlichen Neuheiten-Übersicht habe ich mich schon mit diesem Buch beschäftigt. Doch wie so oft, und manche werden es schon festgestellt haben, habe ich mich ausführlicher mit einem Buch beschäftigt, welches sich dem Thema „Gehen“ widmet. Die J. Kamphausen Mediengruppe hat mir „Das Zen des glücklichen Wanderns“ zur Verfügung gestellt, ich habe es gelesen und was bei diesem Buch noch wichtiger ist: ich habe es in der Praxis angewendet.

Aufbau und Gliederung

Das Buch ist dank Taschenbuchformat äußerst handlich, 128 Seiten sorgen außerdem für keine Gewichtsprobleme, wenn das Buch mit auf Wanderung gehen soll. Im Grunde behandelt das Werk von Ermin Döll und Marcus Hillinger zwölf unterschiedliche, aber in ihrer Gesamtheit zusammenhängende theoretische Ansätze und praktische Übungen, um die Praxis des Zen beim Gehen und Wandern anzuwenden.

Das Zen des glücklichen WandernsJedes dieser Kapitel wird von einem passenden schwarz/weiß Foto und zwei bis vier stimmigen Zitaten von z.B. Rainer Maria Rilke oder Henry David Thoreau eingeläutet.
Das Schlusswort gehört TeilnehmerInnen von Geh-Meditationen, welche über ihre Erfahrungen im Umgang mit der Zen-Praxis beim Gehen berichten.

Um was GEHT’s eigentlich?

Aber was ist Zen? Die Autoren klären auf, dass es beim Zen nicht primär um unsere Umgebung geht, es kommt nicht so sehr darauf an was man sieht oder was man wahrnimmt. Dieses „Was“ möge zwar Auswirkung auf unsere Glückseligkeit haben, aber nicht in so starkem Ausmaß, wie ein anderes „W“-Wort. Zen beschäftigt sich mit dem „Wie“: wie man etwas wahrnimmt, wie man etwas sieht, wie man etwas erlebt. Es geht also um die innere Verfassung und eigene Einstellung. Die drei Hauptaussagen, die die Zen-Praxis am Besten beschreiben:

  • Sehen, was ist und wie es ist
  • Annehmen, was ist und wie es ist
  • Schätzen, was ist und wie es ist

Das Buch lest sich sehr flüssig, lässt aber ein „Überfliegen“ des Textes kaum zu, denn die Beschreibungen der Zen-Praxis erfolgen kompakt und konkret. Das Erlesen der zwölf Übungen ist interessant und regt den Kopf zum Nachdenken an. Die wahre Aufgabe des Buches liegt aber in der anwendbaren Praxis, welche ich natürlich getestet habe.

Das Zen des glücklichen WandernsPraxis hautnah

Das erste Kapitel behandelt eine einfach klingende Übung, aber bei genauerem Nachdenken stellt man fest, dass sie einfacher klingt, als sie ist: „Einfach nur gehen“.
Gehen ohne Zweck und ohne Ziel, einfach nur gehen. Meist geht man, weil man etwas sehen will, etwas entdecken will, etwas erleben will. Doch den wahren Zauber des Gehens erfährt man im einfachen gehen.

Zu den Wander-Übungen der Zen-Praxis zählen klassische Meditationsübungen sowie Frage- und Wortübungen. Besonders spannend finde ich jedoch die fünfte Übung, in welcher es darum geht, die Dinge auf sich zukommen zu lassen.

Wir haben als Menschen wieder zu lernen, uns zurückzunehmen und statt den Dingen unseren Willen aufzuzwingen, auf die Dinge und ihre Ordnung zu hören, um mit ihnen in Harmonie zu leben. (S. 48)

Ich gehe auf der Stelle. Minutenlang. Ich bewege mich keinen Dingen zu und bemerke, dass die Dinge wirklich zu mir kommen.
Diese Übung fällt mir relativ leicht, ganz im Gegensatz zur Übung des meditativen Schauens. Ich bin „okularisch“ reizüberflutet, werte mit den Augen, stelle fest. Beim meditativen Schauen geht es nicht darum, wohin zu blicken, sondern die Dinge in den Blick kommen zu lassen. Das Schauen wird bei einer Wandertätigkeit in den Hintergrund gedrängt: beim Nachtwandern. Die Autoren behaupten, dass „Nachtwandern […] immer eine meditative Erfahrung [ist]“ (S.78). Ich kann dies aus eigener Erfahung bestätigen.

Pilgern und Pirschen

Ich war selbst schon mehrere Wochen als Pilger unterwegs, kann also die positive Erfahrung des Pilgerns getrost unterzeichnen. Die Übung des Pilgerns, welche im Buch beschrieben wird, liegt mir persönlich jedoch nicht und ich habe diese Übung auch nicht ausgeführt. Um spirituell oder bewusst unterwegs zu sein, ist meiner Meinung nach kein Mantra notwendig. Seien es nun Gebete oder Beschwörungsformeln, Pilgern kann ich auch ohne Mantra.

Das Zen des glücklichen WandernsDirekt nach der Pilger-Übung wird das Pirschen beschrieben, welche ich als die spannendste Übung bezeichne. Hierbei wird das nahezu geräuschlose, weglose und möglichst zerstörungsfreie Gehen im Wald beschrieben. Genau…mein…Ding!

Glück ist nicht das Ziel von Zen. Aber Zen ist ein Weg zum Glück. (S. 15)

Fazit

Das reine Lesevergnügen ist von kurzer Dauer, regt jedoch zum Nachdenken und bei mir auch zum Handeln an. Die beschriebenen Übungen sind verständlich, die ausgewählten Zitate sehr stimmig.
Ich beschäftige mich gerne mit dem Thema „Gehen“, habe mich in die für mich unbekannte Zen-Praxis gestürzt und dabei bemerkt, dass ich eigentlich sehr glücklich mit mir beim Wandern bin und teilweise die Praktiken sogar selbst schon angewendet habe, ohne davon gewusst zu haben.
Wer bewusst gehen und wandern will, dem Tunnelblick abschwören und auch gerne mal über den Wanderschatten springen möchte, sei das Buch „Das Zen des glücklichen Wanderns“ empfohlen.

Ich vergebe 8 von 10 Zen-Zitaten.

Das Zen des glücklichen Wanderns, Ermin Döll und Marcus Hillinger, Theseus Verlag, 2014, ISBN-13: 9783899017946

Das Zen des glücklichen Wanderns

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