Fünf Tage, etwa 130 Kilometer, acht müde Füße

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Ich war fünfzig Jahre lang nie ein Weitgeher, das war mir einfach zu mühsam. Erst irgendwann nach der Midlife-Crisis habe ich die Bewegung, so wie wohl viele andere, entdeckt. Mit dem Gedanken, von Graz nach Mariazell wegen einem Geocache zu spazieren, spielte ich seit etwa 2010, nur dass es immer nur ein „es wäre cool“-Hirngespinst war. Bis zu dem Tag, an dem eine Bekannte gesagt hat, sie würde den Cache auch gerne machen, mit ihrem Hund.
Wir einigten uns urlaubstechnisch auf die zweite Septemberwoche 2014 und tüftelten die Tagesetappen aus, Ejadis übernahm die Rolle der Quartiermeisterin, ich bereitete die Routen fürs Navi vor. Stirnrunzelnd beobachteten wir die Wettervorhersage für die Steiermark, sie konnte nicht schlechter sein. Regen, Gewitter… Am Sonntag einigten wir uns aber darauf, weil die Quartiere schon gebucht sind und wir schon die Bahnkarten haben, dass wir halt doch nach Graz fahren und dort die Sache noch einmal prüfen. Bei der Fahrt in den Süden regnete es in Strömen und ich konnte fast weinen, doch als wir in Graz aus dem Zug ausgestiegen sind, hörte der Regen gänzlich auf. Ein gutes Omen? Na hoffentlich, los geht’s!

Montag, der Tag der Feuersalamander: Hilmteich – Passail. Etwa 29 km (zu Fuß), etwa 750 hm aufi (zu Fuß), etwa 1100 hm owi.

Sobald wir am Hilmteich aus dem Taxi aussteigen, fängt es wieder an zu regnen. Heftiger Regen begleitet uns bis nach Mariatrost, danach regnet es nur noch leicht. Man ist über die asphaltierten Wege überglücklich und marschiert munter weiter. Die Talstation der Schöckl-Seilbahn schaut verlassen aus, sie ist aber doch besetzt, nur sind wir die einzigen Deppen, die nach oben wollen. Oben tauen wir im Stubenberghaus beim Kachelofen auf und es geht – es regnet nimmer mehr! – runter nach Burgstall. Hier irgendwo merke ich, dass mein rechter Schuh ziemlich unangenehm gegen den Knöchel drückt. Es tut weh und der Knöchel ist schon ganz angeschwollen. Ich binde den Schuh nur gaaaanz locker zu, so wie einen Hauspatschen, und marschiere so die restlichen 110 km. Wanderschuhe werden überbewertet, wäre ich lieber in leichten Turnschuhen gegangen… Kurz vor Arzberg plaudern wir mit einem Bauern, ich frage, wie viele Pilger so vorbeikommen. Angeblich etwa fünf bis zehn täglich. Also ich habe bis jetzt keine gesehen… Der Rest des Weges nach Passail ist bis auf die unzähligen Feuersalamander, die auf den Waldwegen herumkriechen, relativ unspektakulär. Dann checken wir im Hotel ein und lassen uns im Restaurant verwöhnen. Fast die ganze Nacht regnet es.

Hurra, wir fahren mit der Seilbahn!
Hurra, wir fahren mit der Seilbahn!
Einer aus dem Feuersalamandermassenaufkommen.
Einer aus dem Feuersalamandermassenaufkommen.

Dienstag, der Tag der Kuhphobie: Passail – Straßegg. Geplant etwa 18 km, 1100 hm aufi und 600 hm owi, tatsächlich waren’s etwa 22 km, 1300 hm aufi und 800 hm owi

Wir brechen nach 7 Uhr auf. Dichter Nebel, tiefliegende Wolken. Vor dem mühsamen Aufstieg auf den Schwarzkogler machen wir noch Rast bei der Ochsenhalt-Hütte, das nächste Mal will ich dort unbedingt übernachten! Nach dem Schwarzkogler hören wir aus dem Nebel Kuhglocken klingen. Wir weichen den Kühen aus und queren die Alm zu drei Wetterkreuzen links der Straße.

Ich höre Glocken...
Ich höre Glocken…

Oben angekommen stellen wir fest, dass der weitere Weg von Jungbullen und Mutterkühen, die sich alle über den kleinen Hund freuen, versperrt ist. Ejadis mit Nejsa flüchtet im letzten Moment vor einem Bullen durch den Gatter aus der Weide, ich folge erst als sie ihn von der Öffnung etwas weiter weglockt. Auf der anderen Seite des Zauns sammelt sich die Herde und macht die Rückkehr zum Weg unmöglich. Wir suchen, ständig auf neue Weidenzäune stoßend, einen anderen Weg zur Sommeralm, bis wir bei der tiefer liegenden Felix-Bacher-Hütte landen. Von dort schnaufen wir auf der Straße zur Sommeralm. Oh, der Gasthof ist zu, ist ja Dienstag… Der Wirt, der draußen steht, erbarmt sich aber unser und sperrt für uns auf. Von seinem Vater holen wir uns Kuhabwehr-Tipps und Ejadis bekommt einen Stecken, damit sie den Bestien nicht wehrlos gegenüber stehen muss. Wir setzen guten Mutes unseren Weg fort und stoßen gleich auf einen Weidezaun. Direkt dahinter weidet eine riesige Herde. Wir kehren um, gehen wieder die Straße runter und suchen mit ganz mulmigem Gefühl in der Magengrube einen alternativen Weg über weniger bekuhte Weiden. Unser Tagesziel erreichen wir erst Stunden später als geplant. Überall schwirren Frauen im Dirndl und Herren in den Lederhosen herum. Da ist eine echte steirische Hochzeit im Gange. Ejadis fällt ziemlich auf und versucht durch eine Freundschaft mit einem Mädchen zu punkten. Duschen, essen, ganz andere Tipps zum Kuhabwehr von der Wirtin holen, schlafen. Die ganze Nacht regnet es.

Mittwoch, der Tag der Waldautobahnen: Straßegg – Mitterdorf. Etwa 27 km, etwa 800 hm aufi, etwa 1370 hm owi

In aller Herrgotsfrüh brechen wir auf. Der Wirt verabschiedet uns mit einem Gebet und einem Ziehharmonika-Medley. Wir gehen recht flott, d.h. nur etwa dreieinhalb Stunden, über die Herrnalm zum Gasthof Auf der Schanz, der in der Mitte unserer Tagesetappe liegt, und rasten dort. Dann geht’s weiter auf den Heuberg. Plötzlich tauchen vor uns aus dem Wald vor dem Azur des Himmels riesige silberne Rotorblätter, die Formen erinnern mich auf Raumschiff Enterprise. Windpark. Um die Windräder herum sind durch den Wald Straßen geschlagen, die doppelt so breit sind wie die normalen Forststraßen. Schaut komisch aus, ist aber bequemer zum Gehen als das Stolpern über die Wurzeln und Steine, und mein wunder Knöchel zieht sie auch den idyllischen Wanderwegen vor. Bei der Stanglalm oben Schwammerlsucher mit Körben voll von Steinpilzen. Etwa in der Mitte des mühsamen Abstiegs nach Mitterdorf treffen wir auf zwei Frauen, die ersten Menschen, die wir eindeutig als Pilger erkennen. Über die unglaublich laute Autobahn nach Mitterdorf zum heutigen Ziel. Vor dem Schlafengehen noch eine Runde durch Mitterdorf, Proviantkauf, Besuch der örtlichen Pizzeria.

Donnerstag, der Tag der Pilger: Mitterdorf – Niederalpl. Etwa 30 km, etwa 1630 hm aufi, etwa 1000 hm owi

Wohl die anstrengendste Etappe des ganzen Weges. Die Höhenmeter, die wir beim Abstieg nach Mitterdorf verloren haben, müssen wir uns wieder erarbeiten. Als wir um 7 Uhr losmarschieren, regnet es wieder leicht, aber der Regen hört bald auf und im Laufe des Tages fallen nur noch ein paar Tropfen runter. Schwitzend und keuchend zur gesperrten Hundskopfhütte, dann weiter über Pretalsattel, Langeben und Oberes Schmalztor zur Rotsohlalm. Kurz davor treffen wir auf eine Pilgerschar, die ein großes Kreuz vor sich trägt. Die Pilger besetzen die Rotsohlalm, wir gehen weiter. Der Blick von dem Wanderweg nach der Rotsohlalm ist schön, der Blick von überall auf die Hohe Veitsch ist sehr schön. Sonst haben wir, wetterbedingt, meistens nicht sehr viel von den Bergen gesehen, Schade. Ab der Stelle, wo der Wanderweg in eine Forststraße mündet, trottet man nur durch einen Wald und zählt die Kilometer nach Niederalpl. Dort lange vor den Pilgern ankommend finden wir eine Wild-West-Hütte mit recht netten Wirtsleuten und jeder Menge Verbotsschilder vor. In der Nacht regnet es in Strömen.

"Magic Bus" nahe der Hundskopfhütte.
„Magic Bus“ nahe der Hundskopfhütte.

Freitag, der Tag des Scheißwetters: Niederalpl – Mariazell. Etwa 19 km, etwa 600 hm aufi, etwa 1000 hm owi.

Der Frühstücksraum ist voll. Es regnet. Die Pilger brechen noch vor uns auf, bald kehrt einer zurück: „Hoppla, wir haben hier das Kreuz vergessen!“ Wir steigen auf die Wetterinalm auf, dort bin ich von einer alten Almhütte mit einer großen Satellitenschüssel fasziniert. Es regnet. Die Pilgergruppe schlägt einen anderen, angeblich einfacheren Weg ein, wir gehen zum Herrenboden. Es regnet. Der Weg fängt an, recht unangenehm zu werden. Dann die morastartige Herrenbodenalm. Es regnet, aber wie! Da die nette Sennerin, die uns das Dach über Kopf anbietet, eine Katze hat, trauen wir uns mit unserem Hund nicht rein und gehen weiter. Schneeregen. Ich fange an zu frieren, meine Jacke schützt weder vor Kälte, noch vor Nässe. Der Weg nach unten ist steil und unangenehm, entweder glitschige Steine oder Geröll – oder er hat sich gar in einen Bach verwandelt. Es regnet. Wer hier unter diesen Bedingungen gegangen ist, weiß die asphaltierten Straßen zu schätzen. Schließlich finden wir einen überdachten Pilgerunterschlupf, wo wir uns notversorgen. Weiter geht’s nach Mooshuben. Das Wirtshaus dort ist zu. Autsch… Zum Glück kommt aus einem Nebenhaus der Wirt, sperrt auf und rettet mir mit warmer Suppe und einem Rum das Leben, außerdem packe ich endlich meine Fleecejacke aus. Es regnet nimmer und nach Mariazell sind es nur noch ein paar Kilometer. Als wir beim Pilgertor sind, kommt sogar kurz die Sonne raus.

Endlich ein bisschen Aussicht.
Endlich ein bisschen Aussicht.

Ein Mann fragt uns, ob wir eine Pilgergruppe gesehen haben. „Was, sie sind noch nicht da?“ Ein Stück weiter bewundern wir eine Polizei(auto)wallfaht. Pflichtbesichtigung der Basilika, ich – Ungläubiger – warte mit Nejsa draußen, Ejadis geht Kerzerl anzünden. Dann ein ordentliches Essen beim Schwarzen Adler. Am Nebentisch mahlt Frau Innenministerin mit ihrer Suite und grüßt freundlich jeden potentiellen Wähler – nur wir fallen nicht in diese Kategorie. Noch 1,6 km zum Bahnhof und mit einem coolen Retrozug nach Hause.

Ende der Geschichte. Dem Owner des Graz-Mariazell-Geocaches werde ich für die Motivation, den Weg zu gehen, ewig dankbar sein. Genauso Ejadis und Nejsa für die Begleitung, ihre Gesellschaft machte die Strapazen viel erträglicher. Die fünf Tage werde ich nie vergessen und werde mit unserer Heldengeschichte vermutlich noch meine Enkelkinder langweilen.

Text und Fotos: BakaGaijin

2 Gedanken zu „Fünf Tage, etwa 130 Kilometer, acht müde Füße

  1. Aber Hoppla 😉 Scheißwetter bei einer Wallfahrt sagt man doch ned 😉 Wegen dem Wetter, da muss man eben durch aber im nachhinein sicher ein unvergessliches Erlebnis! Lustige Beschreibung Eures Weges ❗ Ja und? Wie war das nun mit dem Ring 😉
    Gruß
    Werner

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