Ghegantisch – Am Bahnwanderweg von Semmering nach Payerbach

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Eigentlich beinahe unglaublich, wie sich der normalspurige Eisenweg durch die Gebirgslandschaft des Semmerings windet. So unglaublich, dass im 19. Jahrhundert wenige an die Machbarkeit der Eisenbahnlinie geglaubt haben. Doch der umtriebige Carl Ritter von Ghega belehrte die Ungläubigen eines Besseren, indem er mit einer perfekten Planung und Umsetzung die Schienenverbindung von Gloggnitz nach Mürzzuschlag möglich machte. 1841 mit der Planung beauftragt, besuchte Carl Ritter von Ghega in den Folgejahren ähnliche Bahnprojekte in den USA und Großbritannien und setzte sich an den Zeichentisch. 1848 begann man mit dem Bau der Bahnlinie. 14 Tunnel, 16 Viadukte und sechs Jahre später erfolgte die erste Personenfahrt auf der Semmeringbahn. Die Besonderheit dieser Eisenbahnlinie wird seit 1998 mit der Auszeichnung UNESCO-Weltkulturerbe nochmals unterstrichen.
Von Mürzzuschlag nach Gloggnitz besteht ein 40 Kilometer langer Bahnwanderweg entlang oder nahe der Bahnlinie. Dem niederösterreichischen Teil vom Bahnhof Semmering zum Bahnhof Payerbach folgt dieser Wanderbericht.

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Vom Bahnhof Semmering über Breitenstein und Kreuzberg nach Payerbach

Wer mit dem Auto zum Bahnhof Semmering anreist, hat den Sinn des Bahnwanderweges nicht wirklich verstanden. Der Bahnhof Semmering liegt nämlich praktisch fast in der Mitte des gesamten Bahnwanderwegs. Hier könnten wir dem steirischen Weg nach Mürzzuschlag folgen, auf welchen uns Peter Rosegger einlädt – machen wir vielleicht ein anderes Mal. Der niederösterreichische Weg steht am Programm, aber nicht bis Gloggnitz, sondern etwas abgekürzt nach Payerbach. Macht nix, wir bahnen uns den Weg ohne Entgleisungen durch die Gebirgslandschaft – und das bei strahlendem Sonnenschein.

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Der Sonne ausgerichtet – Bahnhof Semmering.
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Was tut sich in der Umgebung? Praktische Informationstafeln am Bahnhof Semmering.
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Ich versteh‘ nur Bahnhof.

Nicht besonders schwer zu finden ist der Einstieg zum Bahnwanderweg, welcher an den meisten Wegkreuzungen sehr gut beschildert ist und metergenaue Wegangaben bietet. Äh, ja. Jedenfalls ist mit der tuckernden Dampflok am Wegweiser der Bahnwanderweg auch bildlich dargestellt. Wer sich so wie ich gleich auf den Weg macht, sieht das Ghega-Denkmal nur von oben. Dieses befindet sich seit 1869 direkt „hinter“ dem Bahnhofsgebäude in Semmering. Carl Ritter von Ghega erlebte die Denkmalerrichtung nicht mehr persönlich mit, betrachtet er doch schon seit 1860 die Radieschen von unten.

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Ich habe gehört, dass es das ganze Jahr am Semmering so schön ist. *Haha*
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Das gefleckte Knabenkraut, eine Orchideenart, lässt sich am Bahnwanderweg bestaunen.

Am Weg zum Wolfsbergkogel stoßen wir auf das alte Kurhaus, welches heute noch teilweise für Kulturveranstaltungen genutzt wird. Die meisten Bereiche des Kurhauses sind aber schon seit längerer Zeit nicht mehr mit Besuchen gesegnet, die ehemalige Sommerfrische hat sich ein wenig Abkühlung gegönnt.

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Wandern darf ebenfalls keine Schmerzen verursachen.

Nachdem wir einen Parkplatz überquert haben, stehen uns nun bald zwei feine Aussichtspunkte bevor. Der kurze Aufstieg auf die Warte am Doppelreiter Kogel bietet einen prächtigen Rundumblick. Noch nicht erwähnt habe ich, dass wir uns hier am Weg des Wiener Alpenbogens befinden, gut erkennbar an den blauen Stickern auf den Wegweisern oder den blauen Markierungen an den Bäumen und Lichtmasten.
Dann wird’s monetär. Die ältere Generation kennt ihn wahrscheinlich noch, den Ghega-Zwanzger. Die 20-Schilling-Banknote zwischen 1968 und 1988 zeigte nämlich diesen Ausblick vom 20-Schilling-Blick mit Viadukt und Pollereswand.

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Kostenlos ist der Ausblick am 20-Schilling-Blick.
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WAB steht für Wiener Alpenbogen. Ja, der letzte Buchstabe ist ein B.

Nächster Halt, Bahnhof Breitenstein. Wie schon erwähnt ist die Beschilderung nahezu einwandfrei und führt uns durch schattigen Laubwald vorbei an der ehemaligen Dampfwäscherei zu einer Labestation, dessen Gebäude bei „Hinterholz 9“ wenigstens schon steht. Liebe Grüße hierbei an den österreichischen Film für Anti-Häuslbauer.

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Bier: 1,80 € – Kaffee: 1,90 €

Nach der Labestation treffen wir dem Bahnwanderweg folgend wieder auf Zivilisation in Form einer asphaltierten Straße, welche uns unter dem Viadukt durchführt. Zur Linken sind Werkzeuge und ein Arbeiterlager zur Zeit des Bahnbaus bei der Fleischmannbrücke ausgestellt und lassen uns in die Arbeitsweise dazumals reinschnuppern. Am „Roten Berg“ verlassen wir wieder die Straße und folgen dem Weg weiter in Richtung Bahnhof Breitenstein.

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Voll im Blickfeld.
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Am Weg nach Breitenstein.
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In der Kalten Rinne verlassen wir den Hauptweg des Wiener Alpenbogens und folgen ab nun einer Regionalen Route.

Große schwere Buchseiten mit Informationen zum Bahnbau begleiten uns für einige Kilometer entlang dem Weg nahe der Bahnlinie. An einem kurzen aber schönen Höhenweg lassen sich die vorbeifahrenden Züge ideal beobachten. Jetzt fahren sie ja noch auf der Weltkulturbahn, die Fernverkehrszüge. Ab 2026 soll der Semmering-Basistunnel von Gloggnitz nach Mürzzuschlag unter dem Sonnwendstein befahrbar sein.
Kurz vor der Straße bei der Kalten Rinne wandern wir am Ghega-Museum vorbei, welches an Wochenenden von 10 bis 17 Uhr ihre Pforten öffnet. Direkt an der Straße angekommen verlässt uns der Wiener Alpenbogen zur Linken in Richtung Prein an der Rax, eine Regionale Route begleitet uns aber weiterhin. Als bedeutendstes Bauwerk der Semmeringbahn gilt das Viadukt über die Kalte Rinne bei der Pollereswand, und das nicht erst seit Christian Ludwig Attersee das gleichnamige Mosaik geschaffen hat.

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So viel Sehenswertes auf einem Foto.
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Auch heute gibt es noch fleißige ArbeiterInnen bei der Semmeringbahn.

Vorbei am Blunzenwirt führt der Bahnwanderweg hinauf in den Ortskern von Breitenstein, welcher nicht gerade überlaufen erscheint. Jetzt. Denn zur Zeit der Dampflok-Fahrten auf der Semmeringbahn wurde dem Bahnhof Breitenstein hohe Bedeutung zugewendet, befand sich hier doch der leistungsstärkste Wasserkran entlang der Strecke.

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Blick zurück nach Breitenstein.

Auf gemütlichen Güter- und Schotterwegen wandern wir in Richtung Bahnhof Klamm, verlassen den Bahnwanderweg nach Gloggnitz jedoch und wenden uns bergauf schreitend dem Kreuzberg zu. Am dort ansässigen Gasthof Polleres gilt es bei Jause und Most den Blick von der Terrasse aus zu genießen. Direkt am Kreuzberg finden wir keinen Wegweiser zum Bahnwanderweg, sondern folgen dem Weg Richtung Payerbach-Küb und Kobermannsberg. Da die Kreuzberger vom „Schwarzen Tod“ im Jahr 1679 verschont wurden, errichteten die BewohnerInnen aus Dankbarkeit eine Pestsäule. Direkt gegenüber grasen Schafe lautstark den Wiesenhang ab.

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Das Mähwerk wird ausgefahren.

Abstecher nach Payerbach oder zum Tirolerhof ignorieren wir gekonnt, die Wegweiser zur „Klammer Kapelle“ sind unsere nächsten Anhaltspunkte. Wer bei der Villa Olga nahe der Klammer Kapelle mit dem Bus abfahren möchte, muss seine Tour jedoch sehr exakt planen.

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Nicht versäumen!

Eigentlich noch vor der großen Linde und der Klammer Kapelle biegen wir links in eine Sackgasse ein, entdecken hier wieder ein Schild zum Bahnwanderweg nach Payerbach sowie zum Postamt Küb. Unterhalb der erwähnten Linde kann auf den Bahnwanderweg in Richtung Gloggnitz gewechselt werden. Bunter Mischwald leitet uns hinab nach Küb zum historischen Postamt. Das k.u.k. Post- und Telegrafenamt verfügt noch über eine originale Einrichtung aus der Zeit um 1910. Erst im Jahr 2004 wurde der Betrieb eingestellt, als Museumspostamt hat es an Sonntagen von Mai bis Oktober von 10 bis 17 Uhr geöffnet.

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Historisches Postamt Küb.

Dass hier in Küb die große Zeit der Sommerfrische auch schon Vergangenheit ist, merkt man den Häusern und dem Ambiente an. Leerstehende Kaufhäuser, dafür große Häuser mit davorstehenden schweren Autos mit Wiener Kennzeichen. Naja, also doch noch ein wenig Sommerfrische-Feeling.
Von Küb ausgehend wandern wir die abschließenden Kilometer am Panoramaweg der Bahnlinie entlang und stoßen in Payerbach vorerst auf die Pfarrkirche, überqueren die Schwarza und landen am Bahnhof Payerbach-Reichenau.

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Viel besser als die „Hier ist kein Hundeklo“-Schreier.
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Jakobskirche in Payerbach.
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Plakatwerbung der Südbahn aus dem Jahre 1930.

Ach, weil es vielleicht auch noch interessant sei: Das Viadukt in Payerbach ist mit 276 Metern das längste der Semmeringbahn. Und solltest du mit Smartphone und QR-Reader unterwegs sein, kannst du dem Herrn Ghega an vielen Stationen entlang dem Bahnwanderweg auch zuhören. „Hört hinein, was Ghega sagt…“ – so bleibt ihr auf Schiene.

Kurzinfos

Datum der Tour: 04. Juli 2016
Anreise
: Entweder ÖBB-railjet direkt aus Wien oder Mürzzuschlag, Regionalzug von Mürzzuschlag oder Payerbach-Reichenau oder Busverbindung aus Gloggnitz
Abreise: Mit dem Regionalzug von Payerbach-Reichenau
Weglänge: 19,5 Kilometer
Höhenmeter: 780 Hm
Dauer: ca. 6,5 Stunden
Charakteristik: einfache Wanderung, ständig markiert und beschildert, landschaftlich sehr abwechslungsreich, einige schöne Ausblickspunkte, sehr informativ
Wanderkarten: freytag & berndt WK 022, BEV ÖK50 4212 Mürzzuschlag
Diese Route ist als Wandertipp auf www.wieneralpen.at zu finden!

Übersichtskarte + GPS-Track

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