Laufen ohne Pause durch Wien – ein Laufspiel

Ich lief. Ist ja keine große Sache, ehrlich nicht. Neben meiner Affinität zum Gehen (daher auch gehlebt, muahaha) hat sich in den letzten Monaten und im vergangenen Jahr die Liebe zum Laufen entwickelt. Speziell das Laufen in der Natur und auf schmalen oder steilen Wanderwegen macht mir bislang am meisten Spaß, doch auch in der Stadt will gelaufen werden. Find ich aber – gelinde gesagt – nicht sehr erquickend. So komme ich nun dazu, warum ich diesen urbanen Laufbericht geschrieben habe. Wer schon mal durch die Stadt gelaufen ist, weiß, dass an den Ampelkreuzungen zwangsweise Pausen eingehalten werden müssen. Machst du es jedoch so wie ich, kannst du über 40 Minuten ohne Pausen – und wohl auch Stunden – durchlaufen. Nur sollte dir die Strecke egal sein.

Die Vorgabe

Von meinem Zuhause in Wien, Ecke Wiedner Hauptstraße/Johann-Strauß-Gasse, laufe ich zum Schloss Schönbrunn. Eingefleischte WienkennerInnen haben den Stadtplan vor Augen und würden nun behaupten, dass ich einfach nur nach Norden zum Wienfluss laufen muss und dann in Gegenrichtung entlang laufen. Easy. Klar, nur da war ja was mit den Pausen. Daher gibt es Regeln.

Die Regeln

  • Komme ich an eine Ampelkreuzung wird nicht an der roten Ampel gewartet, sondern entweder ist auf der anderen Seite eine grüne Phase oder ich laufe einfach um das Hauseck weiter.
  • Tempo kurzzeitig beschleunigen bei grün blinkenden Phasen gilt, Tempo verlangsamen, um zur Ampel zuzulaufen, gilt nicht.
  • An einer Kreuzung ohne Ampel laufe ich dorthin, wo ich nicht wegen einem Auto stehen bleiben muss.
  • Straßen werden nur auf offiziellen Querungsmöglichkeiten überschritten, also Zebrastreifen.
  • Einfach umdrehen um wieder in die andere Richtung zu laufen gilt nicht.

Die nackten Zahlen

Luftlinie Ausgangspunkt bis zum Eingangstor Schloss Schönbrunn: 3,9 Kilometer
Weglänge einer halbwegs günstigen, direkten Lauftour: 4,8 Kilometer
Meine Wegstrecke: 7,661 Kilometer

So lief’s

Gleich mal an der ersten Kreuzung wird mein Plan, geradewegs Richtung Wien-Fluss zu laufen, gnadenlos zerschmettert. Alle Ampeln rot, ich muss links die Wiedner Hauptstraße rauf. Es ist nach 19 Uhr, die Rush Hour ist vorbei, sonst würde ich durch den fünften Bezirk wohl noch mehr Haken schlagen. Gearbeitet wird trotzdem noch. Finanzdienstleister und Architekten sitzen vor ihren Computern, ich laufe an ihnen vorbei. Sie haben wohl einen Plan, ich nicht mehr.
Spontan wird an ampellosen Kreuzungen entschieden, wo ich hinlaufe. Das ideale Training für entscheidungsschwache Menschen, oder einfach nur die Hölle für jene. Kurz an die Hölle denke ich bei der Kreuzung Reinprechtsdorfer Straße/Wiedner Hauptstraße, ein einziger Zebrastreifen lässt hier die Querung der Reinprechtsdorfer Straße zu. Ich laufe links um den Häuserblock. Am Margaretengürtel ebenfalls links und so komme ich wieder zur besagten Kreuzung. Wieder rote Phase. Ich laufe wieder links. Bevor ich abermals auf den Margaretengürtel stoße, entschließe ich spontan einfach durch die Unterführung des Matzleinsdorfer Platzes zu laufen. Runter und wieder rauf und ich stehe vor dem evangelischen Friedhof. Ich laufe gerade in die komplett andere Richtung, wo ich ursprünglich eigentlich hin wollte. Jetzt mal südwärts entlang der Triester Straße, gibt schönere Ecken in Wien zum Laufen. Und zum Leben. Und generell. Jedenfalls einmal bei der nächsten Straße links und wieder links und schon bin ich wieder nordwärts unterwegs. An der Teufelskreuzung, wieder rot, laufe ich retour in die Wiedner Hauptstraße. Dann ist mir das Glück jedoch hold und ich quere bei einer Grünphase die Wiedner Hauptstraße, eine weisende Richtungsänderung.
Unglaublich, wieviele Pizzerien es in Wien gibt. Ein wohliger Duft steigt mir in die Nase, der Magen knurrt. Ich laufe vorbei am Einsiedlerpark, in welchem eine Gruppe Jugendlicher sich mit einem Elektroschocker gegenseitig schocken. Die Jugend von heute, damals haben wir, um Spaß zu haben, Eristoff und Bacardi Alkopops vernichtet. Schockierend ist beides.
Dann folgt eine unglaubliche Glückssträhne, wie ich sie selten erlebt habe. Als hätte die Stadt Wien ihren grünen Ampelteppich für mich ausgelegt, quere ich die zwei Straßen des Margaretengürtels und komme dem Schloss Schönbrunn immer näher. Ok, zugegeben, als ich die erste Straße anfing zu queren, blinkte das grüne Männchen zum letzten Mal. Gilt.
Ich wechsle auf die Schönbrunner Straße, vorbei an den U-Bahn-Stationen von Längenfeldgasse und Meidlinger Hauptstraße mit Picassos grüner Glücksphase und erblicke die Gemäuer des Schloss Schönbrunnes. Gleich bin ich am Ziel, doch hat eine Glückssträhne auch mal ihr Ende. So als kleine Ehrenrunde muss ich links in die Schönbrunner Straße, quere beim ersten Zebrastreifen die Straße, laufe auf der anderen Straßenseite wieder retour und – Glück zum Schluss – komme zur grünen Ampelphase auf die Straßenseite des Schlosses. Von nun an gibt es kein Hindernis mehr für meinen pausenlosen Lauf. Vorbei an drei Blaguss-Reisebussen mit chinesischem Aufdruck stehe ich vor den Toren vom Schloss Schönbrunn. Beleuchtet. Verschlossen. Jetzt geht’s wieder heim.

Probier diese Methode doch auch mal aus, vielleicht sogar auf deiner üblichen Laufrunde. Du wirst Straßen laufen, die du noch nie begangen hast, wirst Lokale sehen, die du später mal ungeschwitzt besuchen wirst, oder triffst eine unbekannte Pizzeria. Und nach getanem Lauf holst du dir eine Pizza. So wie ich.

volle Distanz: 7.66 km
Gesamtanstieg: 168 m
Gesamtabstieg: -167 m

Und wer es gar nicht aushält, wenn jemand läuft ohne Zahlen zu veröffentlichen

Streckenlänge: 7,661 km
Dauer: 45 Minunten, 54 Sekunden
Pace: 5:59 min/km

Buchtipp: Wien Rennt, Thomas Rottenberg, 2016, Rittberger+Knapp Verlag, Wien >>> zur Bestellung

2 Gedanken zu „Laufen ohne Pause durch Wien – ein Laufspiel

  1. Du bist crazy! 🙂 Super Bericht, macht richtig Lust, das auch mal auszuprobieren! Aber bereits bei einem der ersten Sätze musste ich kurz inne halten und überlegen:
    „Straßen werden nur auf offiziellen Querungsmöglichkeiten überschritten, also Zebrastreifen.“
    Ich hab‘ noch nie so sehr auf Zebrastreifen geachtet, aber könnte es da nicht passieren, dass du unendlich oft um einen Häuserblock laufen müsstest, wenn eben in keiner Gasse ein Zebrastreifen ist? Also ich glaub bei mir am Land könnt‘ ich das nicht machen! 🙂
    Liebe Grüße,
    Jasmin

    1. Jup, so ist es. 😀 Wobei, es ist wohl etwas falsch formuliert muss ich zugeben: Bei Kreuzungen ohne etatmäßigen Zenrastreifen darf ich natürlich auch drüber laufen. Schwammig formuliert…
      Aber generell tue ich mir in Wien doch etwas leichter, aber die eine Ehrenrunde am Matzleinsdorferplatz musste ich wegen mangelnder Alternativen eben auch einlegen. 😀
      Laufende Grüße, Martin

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