Ötztaler 3.000er Runde

1406_titelbild_oetztal.jpgAm Wochenende erwartet Sie Regenwetter im Tiroler Bergland, nur vereinzelt kann es auflockern.“
Trübe Aussichten für ein lange geplantes Wochenende in den Ötztaler Alpen. Zwei bis vier Dreitausender stehen am Wanderprogramm, keine Hochtouren-Hatscher, sondern mit Wanderschuhen erreichbare Gipfel. Als am Weg nach Vent im Ötztal im Inntal die Wassermassen von oben herabprasseln befürchten wir das Schlimmste, in Vent war von Regenwetter jedoch nichts mehr zu sehen.

Die kompakten Informationen und Übersichtskarte zu dieser Tour findest du am Ende des Berichtes.

Bergsteigerdorf Vent im Ötztal
Bergsteigerdorf Vent im Ötztal

Viele Einwohner darf man sich im Dorf nicht erwarten, um die 150 Seelen berherbergt das gemütliche Örtchen. Vent dient als Ausgangspunkt für viele klassische Alpintouren: Wildspitze, Weißkugel und Similaun zählen zu den bekanntesten Zielen. Außerdem besteht eine gewisse Verbindung mit den Stubaier Alpen in Form der Franz-Senn-Hütte. Franz Senn bezog im September 1860 eine Unterkunft im Bergdorf Vent. Von dort aus betrieb er sein Tourismuskonzept: “Der Berg […] gehört allen, die sich von ihm beschenken lassen”. Dieses Konzept führte zur Gründung des deutschen Alpenvereines und vieler anderer Sektionen des Alpenvereines. Der Geiste Senns lebt heute noch im Ort, vom Massentourismus ist nichts zu spüren, die Einwohner haben sich auch bewusst dagegen entschieden – außerdem ist Vent ein vom Alpenverein anerkanntes Bergsteigerdorf. Der liebliche Ort beherbergt einige wenige Hotels und Pensionen, ein kleiner Skilift sorgt im Winter für passendes Wedel-Vergnügen.
Der Ort ist schnell durchquert, am südlichen Ende zerstreuen sich die Wege, die Wanderungen und Gipfelbesteigungen können beginnen.

Da ist noch jemand zur Martin-Busch-Hütte unterwegs.
Da ist noch jemand zur Martin-Busch-Hütte unterwegs.

Von Vent ausgehend wandern wir auf einem leicht ansteigenden Höhenweg in das Niedertal und erreichen nach drei Stunden Gehzeit den Endpunkt des heutigen Tages – die auf 2.501m gelegene Martin-Busch-Hütte. Benannt ist die Hütte nach dem ehemaligen Tiroler Landesschulrat Martin Busch, dieser leitete nach dem zweiten Weltkrieg die Verwaltung der Bergunterkunft.

am Weg zur Martin-Busch-Hütte
am Weg zur Martin-Busch-Hütte

Mit dem Bau der Hütte begann man im Jahre 1938, fertig gestellt wurde diese erst 14 Jahre später vom österreichischen Alpenverein. Im Jahr 1958 übergab man die Hütte in die Hände der Sektion Berlin des deutschen Alpenvereins. Etwas weiter oberhalb erkennt man die Überreste der ehemaligen Samoarhütte. Diese wurde schon 1877 errichtet, eine Lawine zerstörte diese im Jahr 1961, die Martin-Busch-Hütte blieb verschont.
Zur Einstimmung auf den folgenden Gipfeltag blicken wir uns ein wenig am nahe gelegenen Marzellkamm um, doch steigen wir nicht dem Marzellkamm wegen auf knapp über 3.000 Höhenmeter, sondern das beeindruckende Panorama am Kamm hat es uns angetan. Da wäre die Kreuzspitze selbst, welche am nächsten Tag am Programm steht, der Hauptkamm mit Similaun und Hinterer Schwärze und Fineilspitze. In Nordrichtung sieht man nicht besonders viel, dort regnet es – aber nicht bei uns.

Martin-Busch-Hütte und Kreuzspitze vom Marzellkamm aus gesehen.
Martin-Busch-Hütte und Kreuzspitze vom Marzellkamm aus gesehen.
Blick auf den Schalfferner und Hintere Schwärze.
Blick auf den Schalfferner und Hintere Schwärze.
Ruhe und Freiheit am Marzellkamm
Ruhe und Freiheit am Marzellkamm

Der Hüttenabend wird ausgiebig zelebriert, jedoch mit dem Wissen, dass Tags darauf ein 3.000er am Programm steht und somit der Geist nicht zu stark beeinflusst werden soll. An das Gefurze und Geschnarche im Matratzenlager gewöhnt man sich.

Abfluss vom Marzellferner
Abfluss vom Marzellferner
Samoarsee und im Hintergrund weitere 3.000er der Ötztaler Alpen.
Samoarsee und im Hintergrund weitere 3.000er der Ötztaler Alpen.

Die Kreuzspitze in den Ötztaler Alpen ist einer der höchsten Gipfel in den Ostalpen, welcher ohne Gletscherbegehung erreicht werden kann. Im Jahr 1865 erfolgte die Erstbesteigung durch Franz Senn und Cyprian Granbichler, zu dieser Zeit war Franz Senn schon im Bergsteigerdorf Vent beheimatet.

Normalsterbliche werden in etwa 3 Stunden für die knapp 950 Höhenmeter einrechnen müssen, frühmorgentliches Aufstehen ist also nicht notwendig – so geschehen bei unserer Tour. In der Nacht hat Regen den Boden feucht und glitschig gemacht, erhöhte Vorsicht bei allen Beteiligten. Der Himmel ist bedeckt, die Sonne zeigt sich am heutigen Tag gar nicht mehr. Der Normalweg auf den Gipfel führt von der Martin-Busch-Hütte aus, über den Samoarsee und ein kleines, flaches Schneefeld auf einen Grat. Dort angekommen fehlen noch etwa 100 Höhenmeter auf den Gipfel und die sagenhafte Aussicht auf die Ötztaler-Gletscher. Der Weg selbst ist eher unschwierig, Trittsicherheit ist jedoch erforderlich, teilweise muss man die Hände zu Hilfe nehmen. Bei Nässe gilt jedoch erhöhte Vorsicht.

Ein kleines Schneefeld hat sich tapfer gehalten.
Ein kleines Schneefeld hat sich tapfer gehalten.
Gipfelaufbau der Kreuzspitze
Gipfelaufbau der Kreuzspitze

Der Gipfel selbst bietet viel Platz, großes Gedränge entsteht dort nicht. Vom obersten Punkt öffnet sich (bei Schönwetter – also nicht bei uns) ein Panorama auf die umliegenden Gletscher und Berge. Der Abstieg zur Martin-Busch-Hütte erfolgt am selben Weg. Regen setzt nach unserer Ankunft an der Hütte ein und so wird der restliche Tag kartenspielend am Stammtisch verbracht.

am Abstieg von der Kreuzspitze
am Abstieg von der Kreuzspitze

Am nächsten Tag zeigt sich das Wetter von seiner schönsten Seite. Strahlender Sonnenschein und angenehme Temperaturen lassen die Sonnenschutzmittel zum Vorschein kommen. Das Ziel des heutigen Tages, das Hochjochhospiz, befindet sich im westlichen Rofental und ist am direktem Wege als Überschreitung des Saykogels (oder auch Seikogel) erreichbar. Überschreitung jedoch nicht ganz, denn der Gipfelaufbau liegt etwas abseits des Steiges und stellt die Herausforderung des heutigen Tages dar. Rutschig und schmal ist der Weg entlang der Felswand, Konzentration und Trittsicherheit ist in diesem Fall keine Floskel.

Die Karawane setzt den Weg zum Saykogel fort.
Die Karawane setzt den Weg zum Saykogel fort.
Felsiger als am Weg zur Kreuzspitze präsentiert sich der Weg auf den Saykogel.
Felsiger als am Weg zur Kreuzspitze präsentiert sich der Weg auf den Saykogel.
Blick nach Westen vom Saykogel aus.
Blick nach Westen vom Saykogel aus.
Blick auf den Hochjochferner.
Blick auf den Hochjochferner.

Der Aufstieg in Richtung Saykogel ist anstrenger als der auf die Kreuzspitze, die Hände kommen öfter zum Einsatz, mitunter kann man manche Stellen als I- (teilweise sogar I) bewerten. Der Gipfel des Saykogels ist unspektakulär, ein Gipfelkreuz sucht man vergeblich, dafür ist die Aussicht fast schöner als auf der Kreuzspitze. Luftig und ausgesetzt erfolgt der Abstieg nach Westen, ehe wir wieder flacheres Terrain erreichen und den Weg über ein Schneefeld in Richtung Rofental fortsetzen.

Leichte Kraxelei am Abstieg vom Saykogel.
Leichte Kraxelei am Abstieg vom Saykogel.
Abfahrt vom Saykogel.
Abfahrt vom Saykogel.

Man überschreitet zwei Gletscherabflüsse über Hängebrücken und hantelt sich die letzten Meter, gesichert mit Drahtseilen, zum Hochjochhospiz (2.413m) wieder leicht hinauf. Erst 1927 wurde das Hochjochhospiz an der heutigen Stelle errichtet und ist ein beliebter Zwischenstop am Zentralalpenweg 02. Auf der anderen Talseite sind die verfallenen Gemäuer der Vorgänger-Hütte noch leicht erkennbar (jedenfalls hatte dies so den Anschein, bitte belehrt mich eines Besseren wenn die alten Gemäuer gar nicht mehr erhalten sind).
Der Himmel hat sich mittlerweile verdichtet, graue Wolken schieben sich vor den überdimensionalen Stern. Das trübselige Wetter verhindert weitere Gipfelerfolge wie die geplante Guslarspitze und Mutspitze, in den gemütlichen Räumen des Hochjochhospiz kehrt gesellige Ruhe ein. Wir schnappen uns Decken und genießen ein Achterl Rotwein in den Liegestühlen vor der Hütte.

Trübe Aussichten am Hochjochhospiz.
Trübe Aussichten am Hochjochhospiz.

Der vierte und somit auch letzte Tag der 3.000er Runde führt uns wieder nach Vent. Das rauschende Rofental wandern wir entgegen dem Zentralalpenweg 02 hinab in das Bergsteigerdorf und überwinden bei Rofen eine elends lange Hängebrücke. Die Höfe von Rofen, Teil der Gemeinde Sölden, sind übrigens mit einer Seehöhe von 2.011m die höchstgelegensten dauerbesiedelten Bergbauernhöfe in ganz Österreich.

Das tiefeingeschnittene Rofental leitet uns spektakulär nach Vent.
Das tiefeingeschnittene Rofental leitet uns spektakulär nach Vent.
Hängebrücke bei Rofen
Hängebrücke bei Rofen

Nur wenige Minuten nachdem wir Vent auf Wiedersehen gesagt haben, setzt ein Regenguss ein und prasselt auf das Dach unserer fahrbaren Untersatzes – der Wettergott meinte es an diesem Wochenende gut mit uns.

Außerdem bin ich der Meinung, dass vielmehr gegangen werden sollte.

Weitere Informationen

Ausgangspunkt: Vent im Ötztal, Seehöhe 1.890m, GPS 46°51’41.0” Nord,  10°54’54.4” Ost
Tag 1 & 2: Vent – Martin-Busch-Hütte 2.501m (2,5 Stunden) / Martin-Busch-Hütte – Kreuzspitze 3.457m (3 Stunden im Aufstieg, 2 Stunden im Abstieg)
Zwei Nächte in der Martin-Busch-Hütte (weitere Informationen: www.hotel-vent.at)
Tag 3: Martin-Busch-Hütte – Saykogel 3.355m (3 Stunden) / Saykogel 3.355m – Hochjochhospiz 2.413m (3 Stunden)
Nächtigung im Hochjochhospiz (weitere Informationen: www.hochjoch.at)
Tag 4: Hochjochhospiz – Vent (2,5 Stunden)
benutzte Karten und Literatur: AV 30/1 und AV 30/2, AV-Führer Ötztaler Alpen
weitere Karten und Literatur: BEV ÖK50 2103 und 2109, ÖK25V 2103-Ost und 2109-Ost, f&b WK 251 / Rother Wanderführer Ötztal
Die Tour wurde im August 2011 begangen.

Karten und Literatur bei freytag & berndt, Wallnerstraße 3, 1010 Wien erhältlich, outdoor@freytagberndt.at, +43(0)1 533 86 85-15, www.freytagberndt.at

Sollten Fragen, Anmerkungen, Hinweise oder Ergänzungen auf der Zunge brennen, bitte entweder ein Kommentar am Beitragende hinterlassen oder eine E-Mail an martin@gehlebt.at senden.

Grober Wegverlauf

Vent – Martin-Busch-Hütte – Kreuzspitze – Martin-Busch-Hütte – Saykogel – Hochjochhospiz – Vent

Begangene und gekreuzte Weitwanderwege

  • Zentralalpenweg 02 zwischen Hochjochhospiz und Rofen

Übersichtskarte

volle Distanz: 32.34 km
Gesamtanstieg: 2933 m
Gesamtabstieg: -2924 m

 

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