Wanderglück im Reisebus

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Es ist der 2. September 2010, kurz nach Mittag. Ich befinde mich in einem Reisebus am Weg nach Frankfurt/Main, irgendwo in Frankreich, kurz vor Lyon. Seit über 24 Stunden verharre ich hier im Bus, einige Stunden stehen mir noch bevor. Und hier, in diesem Reisebus kurz vor dem französischen Lyon, erlebe ich mein ultimatives Wanderglück. Um dieses Glück zu erklären, muss ich etwas ausholen.

Über einen Monat davor startete ich mit dem spanischen Jakobsweg im französischen Saint-Jean-Pied-de-Port am Fuße der Pyrenäen. Ich war ein gänzlich unerfahrener Weitwanderer, hatte noch nie Mehrtagestouren unternommen, ja, ging noch nie vorher 20 Kilometer oder mehr in einem Stück. Trainiert hatte ich kaum, ich ging einfach mal los. Damals hatte ich noch Kopfhörer dabei, um beim Wandern Musik zu hören. Jetzt würde mir das gar nicht mehr in den Sinn kommen. Jedenfalls hatte ich vor der Abfahrt nach Frankreich meine Speicherkarte mit Musik gefüttert, am Weg nach Saint-Jean bemerkte ich aber, dass die Speicherkarte noch immer in der Heimat weilte. Am Handy war somit nur ein einziges Musikstück zu finden, mein aktueller Klingelton: „Nutshell“ von Alice in Chains.
Es gab nun am Jakobsweg viele Momente, in welchen meine Motivation am Tiefpunkt war oder am besten Weg war, diesen zu erreichen. Schmerzen im Knie, ein geschwollener Fuß, Rückenverspannungen, abgebrochene Zehennägel, viele Gedanken an meine erst vor wenigen Monaten an Krebs gestorbene Mutter, Staub und Hitze im spanischen Sommer. Und jedes Mal kamen die Kopfhörer und Alice in Chains zum Einsatz. Es war die Musik, die mich über jedes Tief hinweg schweben ließ. Es war die Musik, die meine Stimmung wieder nach oben beförderte. Es war die Musik, die mich von den körperlichen Schmerzen ablenkte und mich Schritt für Schritt nach vorne brachte. Immer wieder das eine Lied, in Dauerschleife. Ich wurde dabei nicht verrückt.

Absoluter Tiefpunkt ist erreicht.
Absoluter Tiefpunkt ist erreicht.
Mit Alice in Chains wird der Tiefpunkt vom heutigen Tag vergessen gemacht.
Mit Alice in Chains wird der Tiefpunkt vom heutigen Tag vergessen gemacht.
Mit Kopfhörern in der spanischen Meseta.
Mit Kopfhörern in der spanischen Meseta.

Das Lied begleitete mich den gesamten Jakobsweg über. Gegen Ende des Weges kam es immer weniger zum Einsatz, weil ich kaum mehr in ein Tief zu rutschen drohte. Am letzten Tag durfte Alice in Chains jedoch wieder durch die Kopfhörer dröhnen. Hitze und eine Wegstrecke von 50 Kilometern forderten mich ein allerletztes Mal. Glücklich erreichte ich den Atlantik bei Finisterre. Der Jakobsweg endete hier für mich, Alice in Chains verstummte. Zwei Tage danach fuhr ich von Santiago de Compostela mit einem Reisebus nach Frankfurt/Main ab.

Kurz vor Cee am Atlantik - das Ende des Jakobsweges ist nah.
Kurz vor Cee am Atlantik – das Ende des Jakobsweges ist nah.

Wir befinden uns wieder im Reisebus, kurz vor Lyon. Fotos habe ich von dieser Fahrt keine gemacht, der Akku meines Handys hat den Geist aufgegeben. Die meisten Menschen versuchen zu schlafen oder blicken aus dem Fenster. Direkt hinter mir sitzt ein junger Mann, in der Hand hält er eine Gitarre. Mit geschlossenen Augen lausche ich seinem Spiel, ehe ich die Augen aufreiße und ein Schauer meinen ganzen Körper überläuft. Er spielt eine mir sehr vertraute Melodie: „Nutshell“ von Alice in Chains. Ich lasse die Gitarrenklänge auf mich wirken, drehe mich nach einiger Zeit um, mit feuchten Augen sage ich nur ein Wort zu ihm: „Nutshell“. Der junge Mann sieht mich an, grinst mir entgegen und beendet sein Spiel. Eine Minute später steigt er in Lyon aus.

Doch ich nehme ihn noch überall hin mit. Denn dieser Moment, diese Melodie, die mich am Jakobsweg über jedes Tief hinweg getragen hat, gespielt von einem mir gänzlich unbekannten Menschen in einem Bus irgendwo in Frankreich, das war mein ultimatives Wanderglück.

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Die Stimmung steigt mit Musik im Ohr.
Die Stimmung steigt mit Musik im Ohr.
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6 Kommentare zu “Wanderglück im Reisebus

    • Ich war nach dem Schreiben selbst auch überrascht. 🙂 Und weißt du, was das absolut schräge ist? Am Tag, nachdem dieser Beitrag online ging, postete ein Mitpilgerer von damals ein Foto von meinem T-Shirt, weil er sich selbst wieder auf den Weg macht. Die Mitteilung war aber total unbeeinflusst von diesem Beitrag…

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