Nationalpark Gesäuse – Haindlkarkütte über Gsengscharte

1608-wandertour-gesaeuseDer Nationalpark Gesäuse kann getrost als Insel der Seligen innerhalb der „Isola felice“ Österreich bezeichnet werden. Beinahe könnte man meinen, dass die griechische Mythologie im jüngsten Nationalpark Österreichs eine Rolle spielt. Vor allem dann, wenn die Helden von Flora und Fauna im steirischen Elysion – griechisch für „Insel der Seligen“ – einen Platz zum Leben finden und hier glücklich werden. Hießen die Helden in der Mythologie noch Achilles oder Helena, nennt man die aktuellen Helden im Gesäuse Zierliche Federnelke oder Flussuferläufer. Beide haben als besondere Arten im Nationalpark Gesäuse ein Zuhause gefunden. Diesen zwei Arten bin ich im Zuge einer Wandertour auf die Haindlkarhütte auf der Spur gewesen.

Inhalt
> Nationalpark Gesäuse: Ist es zu steil, bist du zu schwach
> Aufstieg zur Haindlkarhütte über die Gsengscharte
> Speis und Trank auf der Haindlkarhütte
> Abstieg über Haindlkargraben zum Ausgangspunkt
> Basisinformationen
> Übersichtskarte und GPS-Download

Isst du einen Fingerhut, geht's dir bald gar nicht gut.
Isst du einen Fingerhut, geht’s dir bald gar nicht gut.

Nationalpark Gesäuse: Ist es zu steil, bist du zu schwach

Ich weiß leider nicht, ob der gute Andreas Hollinger gerne fischt. Jedenfalls bedient sich der Nationalpark-Ranger eines Spruches von den Freunden der Fischerei und münzt ihn gesäusegerecht ins Berglicht. „Ist es zu steil, bist du zu schwach“, meint er jedenfalls im Tal. Dass Fische und Steilheit im Gesäuse zusammenhängen, wird mit der Verknüpfung vom Lebensraum der Fische mit dem Anti-Lebensraum der Menschen im Gesäuse deutlicher. Diese sind nämlich nur durch einen Bindestrich getrennt, wenn es heißt: „Wildes Wasser – Steiler Fels„. Dafür steht der Nationalpark Gesäuse. Ein wenig wildes Wasser, dafür viel steilen Fels lernt man auf der Wandertour zur Haindlkarhütte kennen – und auch etwas lieben.

Die gemütliche Wandertour im Nationalpark Gesäuse startet beim Parkplatz Weidendom an der imposanten Himmelstoss-Tanne. Auf der anderen Seite der rauschenden Enns befindet sich die Bahnstation Johnsbach, welche relativ selten von Amstetten oder Selzthal bedient wird. Auf gemütlichen Waldwegen, gleich mit dem Eisenwurzenweg 08 und dem lokalen Sagenweg, wandern wir am Johnsbach entlang und treffen hier schon auf einen seltenen Gast in Österreichs Bergwelt, den Nordöstlichen Alpenmohn.

Die Natur holt sich die ehemalige Flächer einer Asphaltfabrik zurück.
Die Natur holt sich die ehemalige Fläche einer Asphaltfabrik zurück.

Anfang der 2000er Jahre, als langsam aber doch der Nationalpark Gesäuse seine heutige Gestalt annahm, befand sich am Eingang zum Gsenggraben eine Asphaltmischanlage mit Schotterentnahme. Dieses Werk war im Nationalpark dann doch fehl am Platz und wurde entfernt. Doch erst der Verfassungsgerichtshof[1] wies im Jahr 2006 alle Anträge auf Aufhebung der Nationalpark-Verordnung ab, das Gelände „Im Gseng“ konnte sich wieder ein wenig der Natur nähern. Relikte des Asphaltwerks sind in Form vereinzelter Asphaltbrocken im Aufstieg zur Gsengscharte ersichtlich.

Rötlich erkennbar ist der Felssturz von Ende Mai 2016.
Rötlich erkennbar ist der Felssturz von Ende Mai 2016.
Der Nordöstliche Alpen-Mohn nahe dem Johnsbach gesichtet.
Der Nordöstliche Alpen-Mohn wurde nahe dem Johnsbach gesichtet.

Endemiten nennen sich die Helden im Nationalpark Gesäuse. Ein Endemit ist eine Art, pflanzlich oder tierisch, die nur in einem lokalen Areal vorkommt. Die Zierliche Federnelke ist eine dieser Arten, kommt sie weltweit doch nur im Gebiet zwischen Dachstein und Hochschwab vor. Vor allem in den Schuttgebieten im Gsenggraben fühlt sie sich besonders wohl. Die Hauptblütezeit ist von Mai bis Juli, und solltest du sie nicht sehen, kannst du die Zierliche Federnelke vielleicht erriechen.
Nun möge man sich fragen, wie kann es sein, dass diese Art nur in einem kleinen Gebiet vorkommt und sich nicht weiter über die Alpen verbreitet hat? Für die Antwort müssen wir 10.000 Jahre zurück in die letzte Eiszeit blicken. Zu dieser Zeit lagen die Gesäuseberge am Rand des großen Alpengletschers, viele Arten fanden in diesem Gebiet einen Überlebensraum. Die Zierliche Federnelke hat hier also überlebt und macht es weiterhin. So, und warum verbreitet sie sich jetzt nicht weiter? Nur ein Samen von 100 verbreiteten Samen gedeiht, die Ausbreitung geschieht also nur langsam oder gar nicht.

Dianthus plumarius blandus - Zierliche Federnelke.
Dianthus plumarius blandus – Zierliche Federnelke.
Blick zum Admonter Reichenstein.
Blick zum Admonter Reichenstein.

Aufstieg zur Haindlkarhütte über die Gsengscharte

Am Weg zur Gsengscharte.
Am Weg zur Gsengscharte.

Stetig führt der markierte Wanderweg bergan Richtung Gsengscharte, immer wieder mit Ausblicken auf Turmstein und Haindlmauer. In diesen Gefilden haben sich auch Steinadler angesiedelt, nur erblicke ich am heutigen Tag keinen der Könige der Lüfte. Auf der Scharte angekommen eröffnet sich ein genialer Blick hinunter zur Haindlkarhütte und zur Planspitze. Von hier sind es nur mehr einige Höhenmeter bergab zur Hütte vom Österreichischen Alpenverein.

Entweder oben auf oder unten durch.
Entweder oben auf oder unten durch.
Blick zum Turmstein und Haindlmauer.
Blick zum Turmstein und Haindlmauer.
Von der Gsengscharte Richtung Haindlkarhütte und Planspitze.
Von der Gsengscharte Richtung Haindlkarhütte und Planspitze.

Speis und Trank auf der Haindlkarhütte

Auf der 1960 fertig gestellten Berghütte platzieren wir uns auf der Sonnenterrasse und lassen uns vom gespritzten Pfirsichsaft bezirzen, welcher im Sekundentakt im Halbliterglas von Fritz aus der Gaststube in die Freiheit entlassen wird. Dass es auf der Haindlkarhütte nicht nur Flüssiges gibt, beweisen uns köstliche Kaspressknödel & Co. Von der Sonnenterrasse blicken wir auf die gegenüber liegenden Wände von Planspitze und Hochtor, einige knackige Kletterrouten winden sich die Wände empor. Andreas kennt sie, ist er doch an den beliebten „Xeis-Kletterführern“ maßgeblich beteiligt.

Qual der Wahl an der Haindlkarhütte.
Qual der Wahl an der Haindlkarhütte.
Zum Trend erklärt: Gespritzter Pfirsichsaft.
Zum Trend erklärt: Gespritzter Pfirsichsaft.
Aussicht von der Sonnenterrasse auf der Haindlkarhütte.
Aussicht von der Sonnenterrasse auf der Haindlkarhütte.
Hier lässt es sich aushalten.
Hier lässt es sich aushalten.
An der Haindlkarhütte.
An der Haindlkarhütte.
Ein Schusterbockkäfer beehrte die Haindlkarhütte.
Ein Schusterbockkäfer beehrt die Haindlkarhütte.

Abstieg über Haindlkargraben zum Ausgangspunkt

Der Abstieg über den Haindlkargraben gestaltet sich unschwierig, führt anfänglich noch aussichtsreich mäßig bergab. An der im Schutz eines Felsen gebauten alten Haindlkarhütte vorbei wird der Weg etwas steiler und bald wasserreicher. Am markierten Wanderweg steigen wir hinab zur Bundesstraße und gehen hier nun retour zum Ausgangspunkt am Parkplatz Weidendom. Den Tunnel umgehen wir nordwärts auf einem Radweg und hier treffen wir noch auf einen Helden des Nationalparks.

Am Abstieg zum Haindlkargraben.
Am Abstieg zum Haindlkargraben.
Glück gehabt oder gut gebaut.
Glück gehabt oder gut gebaut.
Erfrischender Haindlkarbach.
Erfrischender Haindlkarbach.

Nun ja, nicht direkt, nur auf einen Infoplatz zum Flussuferläufer. Dieser kleine Watvogel findet an den steinigen Ufern der Enns im Gesäuse ideale Brutplätze. Der Flussuferläufer findet sich auf der Roten Liste der gefährdeten Brutvögel, etwa vier bis sechs Paare werden im Nationalpark jedes Jahr nachgewiesen. So unterhält der Nationalpark mit seinen naturnahen Ufern einen wichtigen Überlebensraum für den Flussuferläufer in Österreich.

Flussuferläufer (c) Herfried Marek
Flussuferläufer (c) Herfried Marek

Keine Murmeltiere, keine Steinböcke, keine Geier – der Nationalpark Gesäuse braucht sich nicht über diese Tierarten zu definieren. Es braucht keine bekannten Arten, um den Nationalpark Gesäuse nach Außen hin zu präsentieren. Die wahren Juwele sind klein, unberührt, unbekannt – und zu finden im Gesäuse. Wie auch im Nationalpark Kalkalpen gilt auch hier der Spruch: Nichts berührt uns wie das Unberührte. Passt.

Basisinformationen

Länge, Höhenmeter und Dauer: 8km – 700Hm – 3,5 Stunden
Charakteristik: Steiler und steiniger Aufstieg über die Gsengscharte, im unteren Teil Schuttwege, rot und gut markiert. Kurz vor der Gsengscharte Stahlseilsicherung und Eisenstifte. Abstieg von der Haindlkarhütte unschwierig und leicht zu erkennen, Rückweg im Tal meist auf Asphaltwegen.
Wanderkarten: freytag & berndt WK 062 Gesäuse, Alpenverein Karte 16 Gesäuse
Wanderführer: Rother Gesäuse
Kletterführer: Xeis-Kletterführer
Anreise: Mit dem PKW über B146 von Admont oder Hieflau kommend zum Parkplatz Weidendom. Mit dem Zug nur eingeschränkter Verkehr an Samstagen, Sonntagen und Feiertagen zur Haltestelle Johnsbach im Nationalpark Bahnhof zwischen Amstetten und Selzthal. Busverbindung auch unter der Woche von Admont bzw. Liezen oder Hieflau.
Für mehr mobile sanfte Mobilität ist die Gseispur zu empfehlen: Busdienste, Taxifahrten, Shuttle-Dienste.
Haindlkarhütte: Saison von Mai bis Oktober, kein Ruhetag, ca. 50 Schlafplätze im Lager und Betten, kein Winterraum, Preise angemessen (z.B. Kaspresssuppe: € 4,50; Holzofenbratl: € 11,-), für VegetarierInnen gibt es Auswahl, VeganerInnen werden sich schwer tun, Hüttenhandy: 0043 (0)664 1140046, weitere Infos: http://www.alpenverein.at/haindlkarhuette/
Fußnoten: [1] https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Vfgh/JFT_09938996_06V00015_00/JFT_09938996_06V00015_00.html

Übersichtskarte und GPS-Download

Diese Tour erfolgte auf Einladung von Nationalparks Austria. Da ich ein ehrlicher Zeitgenosse bin, ändert dieser Umstand nichts an meiner Kritikfähigkeit.

Schreibe einen Kommentar