Unterwegs am verfluchten Kunigundenweg

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Um es kurz zu machen: Wir sind der festen Überzeugung, dass der Kunigundenweg verflucht ist – oder dass zumindest irgendjemand etwas dagegen hat, dass wir ihn fahren. Aus unserer triumphalen Einfahrt in Bamberg wurde bis heute nichts, denn sobald wir auch nur planten, eine Teilstrecke des Kunigundenweges zu fahren, ging irgendetwas schief. Und so kann man die Geschichte unserer ersten längeren Tour auch als die Geschichte unseres großen Scheiterns bezeichnen.
Na gut, wir geben zu, dass wir das Ganze etwas zu naiv angegangen waren: Im Mai hatten wir die verrückte Idee gehabt, mit dem Fahrrad zum Mont St. Michel fahren zu wollen. Und dafür wollten wir auf dem Kunigundenweg trainieren. Mit dem Fahrrad fuhren wir im Alltag sowieso ständig, also dachten wir, man steigt einfach auf und fährt los. Ganz so einfach war es leider nicht! Dass man auch Karten lesen können sollte und etwas Training braucht und sowieso mehrtägiges Radfahren mit Gepäck (das natürlich viel zu viel war) etwas ganz anderes ist, als im Alltag zur Uni zu radeln – darauf kamen wir natürlich nicht.

Blick auf Bullenheim

Und so fuhren wir mit viel Motivation und ohne jegliche Ahnung oder Vorbereitung in der zufälligerweise heißesten Woche des Spätsommers von Würzburg aus los.
Wir hatten den eh schon kurzen Weg in sechs Etappen unterteilt. Das sollte eigentlich zu machen sein – glaubten wir! Aber weit gefehlt, denn wir wurden bereits auf dieser Tour mit so ziemlich allem konfrontiert, was einem das Radfahren vermiesen kann: Hitze, zuneige gehende Getränke, kleine fränkische Käffer ohne Einkaufsmöglichkeiten, fast unpassierbare Wege (schließlich war der Kunigundenweg eigentlich ein Wanderweg) und Umwege, weil irgendein Witzbold die Markierung verändert hat und uns mitten in ein Maisfeld lotste! Bereits am dritten Tag war die ursprüngliche geplante Tour beendet!
Doch im Detail:
Am dritten Tag fuhren wir von Bullenheim nach Iphofen. Bullenheim-Iphofen – ein Synonym für alles, was schiefgehen kann, sowie für Nervenzusammenbruch und totale Erschöpfung!
Von der Kunigundenkappelle über Bullenheim aus (von wo man einen sensationellen Blick ins Land hatte) wollten wir über Schloss Frankenberg fahren, da der eigentliche Kunigundenweg hier zu schmal und unwegsam für Fahrräder war. Wir fuhren allerdings nicht lange, denn da wir immer weiter in die Weinberge vorstießen, stiegen wir ziemlich bald ab und schoben und schoben und schoben und schoben. Irgendwann beschlossen wir, bei der nächsten uns bietenden Gelegenheit auf die Landstraße zu wechseln, da wir dort der Beschilderung folgen konnten, die in den Weinbergen natürlich völlig wegfiel. Außerdem wussten wir – als des Kartenlesens Unkundige – nie, auf welchem Weg in den Weinbergen wir uns befanden. Hätten wir es gewusst, hätten wir auch gesehen, dass wir gar nicht mehr so weit vom Schloss entfernt waren! Sobald es möglich war, bogen wir also ab und fuhren rechts den Berg hinab, um auf die Straße zu kommen. Als wir mit Schrecken feststellten, dass wir schnurstracks nach Bullenheim zurückfuhren, um nach zwei Stunden wieder am Ausgangsort anzukommen. Dieser Blöße entgingen wir, in dem wir uns einfach einmal quer durch die Weinberge kämpften.
Auf der Landstraße war es zwar einfacher, Schloss Frankenberg zu finden, allerdings mussten wir nun erneut fast 4 km lang den Berg hinaufstapfen, den wir gerade erst herabgefahren waren, nachdem wir ihn zuvor schon erklommen hatten. Meine Freundin hatte beim Schieben auf den Frankenberg ihre Tiefstphase. Sie sah aus, als würde sie am liebsten ihr Fahrrad in den Graben schleudern, das nächste Auto anhalten und sich nach Bamberg bringen lassen. Mich brachte nur noch der Gedanke an den Hausspruch aus Bullenheim voran, den ich unablässig vor mich hinmurmelte: “Doch wenn möglich vorwärts streben…” Noch war es möglich, also stapfte ich weiter. Endlich oben setzten wir uns erst einmal und tranken etwas. Hier, im Schatten von Schloss Frankenberg, völlig ausgelaugt, völlig durchgeschwitzt und völlig frustriert fassten wir einen Entschluss: Wir würden es niemals bis Bamberg schaffen. Es war zu heiß und wir zu unerfahren und zu untrainiert. Wir beschlossen eine Routenänderung mit enorm verkürzten Tagesetappen: Nach Norden abbiegen, um in zwei Tagesfahrten nach Kitzingen zu gelangen, von wo wir mit den Zug nach Bamberg zurückkehren wollten.
Doch auch dieser Plan wurde uns vereitelt. Die Strecke, die wir uns ausgesucht hatten, war wegen einer Baustelle gesperrt, so dass wir erneut gezwungen waren, die gut ausgeschilderte Landstraße zu verlassen – was wir doch nicht mehr hatten tun wollen! Wir wollten nun also auf anderem Wege nach Iphofen gelangen. Das Schild “Iphofen 2 km” machte uns Mut und trieb uns voran. Nun konnten wir also endlich unter die Dusche… Denkste!

Unser Motto in Bullenheim

Die Straße gabelte sich – in beide Richtungen ging es nach Iphofen. Rechts jedoch für LKWs gesperrt, geradeaus waren sie zugelassen. Ich rief Sabine noch zu, dass ich keine Lust hätte, eine LKW-Straße zu benutzen, doch Sabines Entscheidung war bereits gefallen, als sie sah, dass die LWK-freie Straße bergauf, die andere allerdings bergab führte! Also fuhren wir gerade aus und schmetterten – wie es bei uns gute, wenn auch neubegründete  Tradition war beim Einfahrt in ein Etappenziel  – unser “Kleines Senfkorn Hoffnung” in den Fahrtwind. Iphofen wir kommen! Oder auch nicht… denn die Straße mündete in die B8, stark befahren, v.a. von LKWs und noch dazu ziemlich unübersichtlich! Uns zur Rechten sahen wir Iphofen, zum Greifen nah, wie es schien. Aber wir kamen nicht hin! über die Bundesstraße? Heute würden wir es einfach wagen – damals taten wir es nicht. Nicht bei diesem Verkehr! Den ganzen Berg wieder nach oben? Das hätten wir wohl nicht mehr geschafft! Unsere Kräfte waren am Ende – und unsere Nerven auch. Hier hatte ich meine Tiefstphase und überlegte schon, ob wir von hier wohl jemals wieder wegkämen. Der Versuch, nicht auf sondern neben der Straße, also im Straßengraben, nach Iphofen zu gelangen, scheiterte, da uns plötzlich ein großer Erdhaufen, der wohl von der Baustelle im anliegenden Gipswerk stammte, den Weg versperrte. In diesem Moment, eingekesselt zwischen Erdhaufen, Berg und Bundesstraße verlor ich dann die Nerven und hasste meine Freundin nicht wenig für ihren voreiligen Entschluss, der LKW-Straße zu folgen! Aber auch Sabine jammerte: “Und wir haben schon ‘Kleines Senfkorn Hoffnung’ gesungen!”
Das Gipswerk schien unsere einzige Rettung zu sein – und ganz sicher war es unsere einzige Hoffnung. Wir fragten einen LKW-Fahrer an der Werkseinfahrt, ob man über das Gelände in den Ort gelangen könnte. Jaja, da könnte man hindurch, antwortete er. Also stapften wir los. Wir wunderten uns schon ein wenig, dass uns niemand aufhielt, als wir durch die Großbaustelle gingen – alle sahen uns nur etwas seltsam an – als wir plötzlich einen gellenden Pfiff hörten und ein wild gestikulierender Mann auf uns zueilte. “Na, die Damen. Wo wollen wir denn hin?” – “Nach Iphofen”, war unsere kleinlaute Antwort. “Man hat uns gesagt, wir könnten hier durch.” – “Tja, wer auch immer das gesagt hat – er war sicher nicht der Oberbauleiter. Das bin nämlich ich!” Er erklärte uns, dass wir hier nicht durchkönnten, da es zu gefährlich wäre wegen der vielen Baufahrzeuge. Allerdings half er uns sehr freundlich, einen anderen Weg nach Iphofen zu finden. Wir mussten einen erbärmlichen Anblick geboten haben, verschwitzt, grau vor Staub, entkräftet und verzweifelt, denn er fügte hinzu: “In Iphofen gibts auch ne gute Eisdiele!” (die Eisdiele war übrigens wirklich gut! Falls der Oberbauleiter das hier einmal lesen sollte: Danke für den Tipp! Und natürlich auch DANKE für die Hilfe!)

Blick auf Aub

Dank seiner Hilfe und mit letzter Kraft erreichten wir Iphofen, nachdem wir die B8 an etwas übersichtlicherer Stelle überquert und einen abgeernteten Kartoffelacker durchschritten hatten. Wir fanden schließlich auch ein schönes Gasthaus, das von einem Holländer geführt wurde und in dem es angeblich die besten Matjes weit und breit gab. Die anderen Hausgäste (allesamt Motoradfahrer) waren wirklich nett, fanden unsere Tour-Abbruchpläne allerdings sehr erheiternd. Gleichzeitig erzählten sie aber, wie anstrengend es doch gewesen sei, bei dieser Hitze mit dem Motorrad herumzufahren (hahaha…).
Der letzte Tag der Tour führte uns nur ins etwa 15km entfernte Kitzingen. Auf dem Weg besuchten wir den Judenfriedhof bei Rödelsee und das Wasserschloss derer von Crailsheim in Fröhstockheim, bei dem es aus irgendeinem Grund weit und breit kein Wasser gab. In Kitzingen angelangt gingen wir erst einmal essen. Nachdem wir am letzten Tag bereits klassische Erschöpfungssymptome gezeigt und nicht einmal mehr zum Essen Kraft gefunden hatten, gönnten wir uns jetzt ein Schnitzel, das uns noch immer als das beste Schnitzel unseres Lebens in Erinnerung ist. Nach diesem Eiweiß- und Kohlehydrate-Schub schleppten wir uns mit den letzten Resten unserer Kraft durch die Kitzinger Innenstadt, bevor wir am Nachmittag in den Zug stiegen und nach Bamberg fuhren – zugegebenermaßen etwas weniger eindrucksvoll, als triumphierend in Bamberg einzufahren, wie wir es uns in unserer Phantasie ausgemalt hatten!

Immerhin hatten wir trotz – oder gerade wegen – aller Katastrophen furchtbar viel Spaß auf dieser Tour. Wenn wir während dieser Tage eines gelernt haben, dann den Unterschied zwischen Urlaub machen und Reisen. Reisen war auf jeden Fall das Spannendere und wir waren auch noch nach dieser Tour ganz sicher, dass wir irgendwann einmal zum Mont Saint Michel radeln werden (was wir 2015 auch endlich tun werden!) – auch wenn wir dafür noch viel Übung vor uns hatten.

Text und Fotos (mit analoger Kamera): Ilona
Sie schreibt in ihrem Blog wandernd.wordpress.com über Reiseziele.

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