Vom Gehen im dunklen Wald

Letzten Samstag unternahm ich eine längere Wandertour im nördlichen Weinviertel, bei welcher ich schon im Vorhinein wusste, dass ich wohl die letzten Stunden in der Dunkelheit unterwegs sein werde. Doch ich hatte auf ein Utensil vergessen, welches ich normalerweise selbst bei nicht so langen Touren dabei habe: die Stirnlampe. Erst als es langsam aber doch immer dunkler wurde, dachte ich an das kleine Ding. Es liegt zuhause in der warmen Stube, ja ich erinnere mich, nicht einmal Akkus nachgelegt zu haben. Ich habe die Stirnlampe also nicht nur zuhause vergessen, sondern einfach nicht wahrgenommen.
Ich fand mich also damit ab, die nächsten zwei Stunden ohne Licht am markierten Waldweg zu wandern – und merkte, dass es die außergewöhnlichsten zwei Stunden seit langer Zeit waren. Diese kleinen und intensiven Erfahrungen haben mich dazu verleitet, einen kurzen Text über die Gedanken im dunklen, unbekannten Wald zu verfassen.

Vom Gehen im dunklen Wald

Die Stirnlampe ist also nicht mitgekommen – die Nacht breitet langsam aber doch den Vorhang der Dunkelheit aus. Vor wenigen Minuten stieß ich auf den markierten Wanderweg im Wald, welcher mich in zwei Stunden zu meinem Ziel führen soll, einer kleinen Stadt im Weinviertel. Der Weg ist klar, die Markierung soll mich durch den Wald leiten, ich muss in keinem Buch nachlesen, muss keine Karte studieren. Der Himmel ist bedeckt, keine Sterne, kein Mond, kein Licht vom Himmel, welches mir das Sehen erleichtert. Es ist dunkel, beinahe stockdunkel, oder wie manche sagen: dunkler als der Hintern eines schwarzen Stieres in einer mondlosen Prärienacht.
Die weißen Streifen der rot-weiß-roten Wegmarkierungen auf den Bäumen erkenne ich erst, als ich zwei Meter von ihnen entfernt stehe und sie direkt anstarre, aber sie sind hier und das beruhigt mich. Ich gehe voran, der Wind weht leicht, die Äste wanken im Wind – ich sehe sie nicht, doch ich weiß, dass sie es tun – ich höre es, oder spüre es?
Es ist zwar dunkel, aber keineswegs still. Unheimliche Tierlaute sind zu hören, es sind Laute, welche man am Tag nicht vernimmt – jedenfalls vermute ich das. Links und rechts von mir raschelt es, Tiere laufen vor mir davon, doch komme ich ihnen sehr nahe. Ich dringe in ihr Reich ein, zu ihrer aktiven Zeit und passe mich ihrer Geschwindigkeit an – sie lassen mich näher an sich heran. Sie kreischen und schreien, doch ich fühle mich nicht verunsichert.

Der Boden knirscht unter meinen Sohlen, die einzelnen Steine, Zweige und Äste vermischen sich zu einer Symphonie im gleichen Rythmus – meinem Gehrythmus. In gleichen Abständen höre ich das Knirschen, erfahre welcher Untergrund welches Instrument spielt und weiß genau nach dem Aufsteigen am Boden, wie der Untergrund aussieht. Ich brauche ihn nicht zu sehen, ich höre wo ich gehe. Ab und zu kommt die Pauke zum Einsatz und ich stolpere über eine Wurzel, das Orchester wird nur kurz aus dem Rythmus gebracht und setzt die Symphonie fort.

Ich sehe ein Licht, es dürfte das Licht aus einer Hütte sein, womöglich eine Jäger- oder Forsthütte. Die Tierstimmen und Gehgeräusche nehme ich nicht mehr wahr, ich höre nur mehr schlagendes Holz. Es hackt jemand Holz, die Geräusche sind eindeutig. Ich nähere mich der Hütte, welche sich aber zu meiner Rechten etwas abseits vom Weg befindet. Knapp vor mir nehme ich einen Schatten wahr, welcher vor mir den Weg kreuzt und in der Hütte verschwindet. Den kleinen Geräteschuppen und den Hackstock lasse ich zu meiner Linken an mir vorüberziehen, blicke zurück zur Hütte, das fahle Licht aus dem Inneren erleuchtet die Umgebung. Ich wende mich ab und folge der Dunkelheit.

Bislang war es nicht schwierig am Weg zu bleiben. Doch jetzt erkenne ich einige Meter vor mir eine Wegkreuzung, halblinks und halbrechts sind Wege erkennbar. Nun passiert etwas, was ich bei Wanderungen sehr selten erlebe. Ich bleibe nicht stehen, ich überlege nicht, ich versuche nicht Markierungen ausfindig zu machen, sondern ich gehe instinktiv den rechten Weg und erwische mich dabei, nicht nachgedacht zu haben. Kein „links oder rechts“-Gedanke und kein Ausschau halten nach Schildern oder Markierungen. Ich gehe nun am rechten Weg, blicke nach wenigen Metern unbewusst auf einen Baumstamm und erkenne einen weißen Streifen – der Weg stimmt. Die Füße gehen geräuschvoll, der Kopf schweigt. Mein einziger Gedanke ist, dass ich keine Gedanken habe. Der Kopf ist leer und voll zugleich – er ist ausgeglichen.

Es kommt unerwartet, obwohl es klar ist. Die ersten weißen und hellgebeln Lichter meines Zieles werfen sich in mein Blickfeld. Straßenbeleuchtung, Gebäudelichter, die rot blinkenden Punkte der Windräder im Hintergrund, welche wiederum einen Teil dazu beitragen, dass mir die Lichter entgegenleuchten. Das Licht wird vom Hochnebel stark reflektiert, eine Lichtglocke ist über meinem Ziel entstanden, in wenigen Momenten werde ich die erleuchtete Zivilisation wieder erreichen. Die Leere und Fülle in meinem Kopf wird von einem einzigen Gedanken eingenommen: möchte ich jetzt wirklich ankommen?

Ein Gedanke zu „Vom Gehen im dunklen Wald

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