24H Burgenland Extrem Tour 2016

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„Aufgeben tut man einen Brief.“
Mit diesem abgedroschenen Spruch überwinden sich Sportler zu Höchstleistungen, PolitikerInnen schmücken ihre Ideen damit, manche schicken stattdessen einfach nur mehr E-Mails.
Wenn dieser Spruch wörtlich genommen wird, dann hatte die Burgenländische Post am 22. und 23. Jänner einiges zu tun. Denn von 1.718 TeilnehmerInnen der 24 Stunden Burgenland Extrem Tour, absolvierten 551 die gesamte Strecke von 120 Kilometern rund um den Neusiedler See, der Rest hörte irgendwo zwischen Anfang und Ende auf. Und ich war einer, welcher einen Brief aufgab. Was in diesem Brief gestanden ist und welche Bilder mir vor die Augen gekommen sind, das erfährst du nun genau jetzt!

„Liebes zukünftiges Ich!
Du hast an der 24H Burgenland Extrem Tour 2016 teilgenommen. Diese Veranstaltung ist ein Lauf- und Wanderevent im nördlichen Burgenland und in Ungarn. Genauer gesagt wird bei diesem Event der Neusiedler See einmal umrundet. Ausgangspunkt ist die Metropole Oggau am Westufer des New Settlers Lake, um für unsere englischen Freunde eine geographische Definition zu haben, während unsere östlichen Nachbarn den See als „Fertő Tó“ bezeichnen. Genau 1.718 TeilnehmerInnen finden sich in Oggau zum Start am Freitag um 4:30 Uhr früh vor dem Gemeindeamt ein (Einwohnerzahl Oggau: 1.762).

Vom Frühstück zum Startpunkt. Das Gedränge ist vorhanden.
Vom Frühstück zum Startpunkt. Das Gedränge ist vorhanden.

Die Skala vom Thermometer hält sich weit unter 0°C. Mit Alexandra an deiner Seite, welche die Strecke laufen wird, weil sie es kann, steht ihr eng zusammengepfercht auf der Straße, lauscht einigen Worten vom Bürgermeister und bald fällt der Startknall und die Masse setzt sich in Bewegung. Du verabschiedest dich gleich von Alex, denn sie wird sich mal im Laufschritt nach vorne bewegen.

Am Start noch vereint, bald getrennt. Alex läuft und läuft und läuft.
Am Start noch vereint, bald getrennt. Alex läuft und läuft und läuft.

Dein Tempo hat sich am Anfang auch etwas erhöht und versuchst dich ebenfalls etwas nach vorne zu arbeiten, bis sich das Feld etwas gefestigt hat. Nach einigen Metern erhörst du eine bekannte Stimme hinter dir, es ist Peter, der mit zwei Freunden die Tour in Angriff genommen hat. Nach kurzem Klatsch und Tratsch kommen sie dir jedoch abhanden, denn als sich ein kleines Loch auftut, versuchst du dieses auch zu nutzen.
Du fühlst dich heute saugut, die Bedingungen sind ideal, die Kälte ist dir komplett egal, findest du sogar angenehm. Leichte Euphorie steigt in dir hoch, heute könnte es sogar mit einem 100er klappen, jedenfalls dein persönlicher Rekord sollte drinnen sein.
Der Fast-Vollmond verabschiedet sich hinter den Weinbergen, deine Stirnlampe lässt du dennoch im Rucksack. Rust wird nur gestreift und in Mörbisch hat sich das Feld schon etwas gelockert. Manche Hunde am Gartentor erleben bei der Burgenland Extrem Tour jedenfalls selbst einen extremen Vormittag, wenn im Sekundentakt Menschen vorbeigehen und sie mit ihrem Gebell kaum mehr nachkommen. In Konkurrenz zum Gebell stehen jedoch die Walking-Stöcke mit speziell halbohrenbetäubender Metallspitze, welche so stark in den Asphalt gerammt werden, dass die Gemeinde fürs nächste Straßenbudget wohl mehr Geld für die Sanierung springen lassen muss.
Die ersten Bergwertungen der 13. Kategorie werden ohne Probleme bewältigt, auf der gesamten Strecke sind über 400 Höhenmeter zu erledigen. Also insgesamt zwei Runden und der höchste Berg Burgenlands wäre aufsummiert in Augenhöhe.

24h-Burgenland-Extrem-Tour (3)
Offene Grenzen.
Es wird hell.
Es wird hell.

Bald übertrittst du die Grenze nach Ungarn. Du merkst es daran, dass das Schild am Grenzübergang massenhaft fotografiert wird, auch du wirst es machen, und dass in Ungarn die Stromleitungen großteils überirdisch verlaufen. Bald kommt der Moment, auf welchen sich du und womöglich alle anderen TeilnehmerInnen gefreut haben: der Sonnenaufgang.

Ich möchte ein Eisbär sein, am kalten Polar!
Ich möchte ein Eisbär sein, am kalten Polar!
Frostige Sonnenstrahlen erreichen die Wandersleute.
Frostige Sonnenstrahlen erreichen die Wandersleute.

Über der weiten Ebene des Neusiedler Sees und darüber hinaus schießt die knallrote Sonne aus dem Horizont empor und bringt Leben in die Bude. Wer sich jedoch Wärme von dem Stern erwartet hätte, wird im ersten Moment enttäuscht sein. Die Strahlen werden noch einige Zeit brauchen, die klirrende Kälte der Nacht zu verdrängen und deinen Bart vom Eis zu befreien. Dein Bart ist aber begehrtes Fotomotiv an der ersten Labestation in Balf, Tee und Cookies sind dein Frühstück um Punkt 8 Uhr früh. Du bist bislang genau 3,5 Stunden unterwegs und hast laut Karte schon 27 Kilometer absolviert. Sieht ja nicht so schlecht aus und du fühlst dich noch immer sehr gut.

Tee. Bloß so.
Tee. Bloß so.
Wieviele Straßenarbeiter braucht man, um ein Schild zu montieren?
Wieviele Straßenarbeiter braucht man, um ein Schild zu montieren?
Knirsch, knirsch, knirsch.
Knirsch, knirsch, knirsch.

Was dir von Ungarn in Erinnerung bleibt? Schier endlöse Dörfer, etwas Schnee, guter Tee und die einzigen asphaltfreien Kilometer. Und noch was. Kannst du dich noch an die paar kurzen Momente in den letzten Wochen erinnern, zum Beispiel als du einmal am Bahnsteig gestanden bist, ein wenig herumgegangen bist und plötzlich hat dein linkes Knie nachgegeben und du weißt nicht warum und konntest auch nichts dagegen machen? Ja? Gut, denn das wird dir ab Hegyköh  bei Kilometer 39 nun vermehrt passieren und vor Apetlon dann bei jedem Schritt.

Der Teekessel in Hegykö. Ab hier nahm das Ende seinen Anfang.
Der Teekessel in Hegykö. Ab hier nahm das Ende seinen Anfang.
Frei von Asphalt.
Frei von Asphalt.
Wildnis!
Wildnis!
Ein Motivatiosflieger!
Ein Motivationsflieger!
Abkürzen. Wer es notwendig hat, macht auch das.
Abkürzen. Wer es notwendig hat, macht auch das.

Relativ entspannt blickst du in die unspektakuläre Weite der Neusiedler-Prärie, Gänse formieren sich am Himmelszelt, die Straßen sind ein hartes Pflaster. Österreich ist in Griffweite, der angedachte „100er“ entfernt sich jedoch immer mehr aus deinen Gedanken.

Holprige Schattenspiele in der Pampa.
Holprige Schattenspiele in der Pampa.
Frohen Schrittes am Bahnübergang.
Frohen Schrittes am Bahnübergang.
Was packst du das aus? Was hast du da? Was packst du da aus?
Was packst du das aus? Was hast du da? Was packst du da aus?
Der 1909 fertiggestellte Einser-Kanal.
Der 1909 fertiggestellte Einser-Kanal.
Hallo Weite, nice to meet you.
Hallo Weite, nice to meet you.
Auf Pilgerpfaden unterwegs.
Auf Pilgerpfaden unterwegs.

Du merkst, dass dein Knie nachgibt. Du merkst, dass du nicht gegensteuern kannst. Du merkst, dass du aber keine Schmerzen hast. Du merkst, dass du dein Tempo drosseln hast müssen. Du merkst, dass es kein zurück mehr gibt, aber auch kein nach vor. Du merkst, dass es keinen Sinn mehr macht.

A stop in Apetlon this day, keeps the doctor away.
A stop in Apetlon this day, keeps the doctor away.
Wann schluss ist, wissen du musst. Meister Yoda ist weise.
Wann schluss ist, wissen du musst. Meister Yoda ist weise.

In Apetlon angekommen, biegst du links zur Verpflegungsstation ab, geradeaus würde die Strecke direkt weiterführen, unter anderem auch am Friedhof vorbei. Den brauchst du noch nicht, die Bushaltestelle zum Ausruhen reicht. Du tastest dein Knie ab, kannst jedoch nichts feststellen, Schmerzen hast du keine, nur etwas instabil scheint es zu sein. Noch drei Kilometer nach Illmitz, weitere zwölf nach Podersdorf. Nein. Du triffst im Sonnenlicht an der Bushaltestelle sitzend eine Entscheidung.
Es ist exakt 14 Uhr, als du hier in Apetlon nach etwa 60 Kilometern und 9,5 Stunden die 24H Burgenland Extrem Tour abbrechen wirst. Im Kopfe schusterst du dir für diesen Moment einen Reim zusammen:

„Der Geist wär willig,

das Fleisch wär zach,

doch das linke Knie,

das ist schwach.“

Eine Busfahrt in die Heimat.
Eine Busfahrt in die Heimat.

Hier in Apetlon hast du deinen persönlichen Brief abgegeben. Und deine Entscheidung sei gut gewesen, auch wenn dich die Entscheidung im ersten Moment noch sehr gewurmt hat. Doch im Grunde hast du nur zwei Knie und keines mehr auf Lager, du bist noch jung, sag ich mal, und es wird nicht die letzte 24H Burgenland Extrem Tour gewesen sein. Die Tour wird dich wiedersehen, das kann ich dir, meinem zukünftigen Ich, versprechen. Alles Gute und pass auf dich auf.“

Nichts wurde es also mit der Einstellung meines persönlichen Rekordes, einem 100er oder gar mit der gesamten Tour. Habe ich mir zuviel vorgenommen? Ich denke nicht. Doch bin ich so weit in meinem Kopf, dass ich mich über gewisse Dinge hinwegdenken kann, aber dann auch weiß, wann es eben nicht mehr geht. Es ist das erste Mal, dass ich eine Tour wie diese abbrechen habe müssen. Und es war gut so. Die Vorfreude auf das nächste Jahr ist jedenfalls schon vorhanden.
Danke an die lieben TeilnehmerInnen, mit denen ich ein Stück des Weges gemeinsam gegangen bin. Danke an die OrganisatorInnen, HelferInnen und Freiwillige, ohne dieses Event nie stattfinden könnte. Allen TeilnehmerInnen stelle ich hier pauschal eine Gratulation aus! Egal wie weit ihr gekommen seid, ihr wart Teil dieser einzigartigen Veranstaltung und ihr habt die Veranstaltung zu dem gemacht, was es war: Extrem geil.

Weitere Berichte von anderen TeilnehmerInnen:
> Peter von Ich, am Weg
> Gudrun, die Reisebloggerin, war schon das dritte Mal dabei
> Tino hat dem Ischias Tribut zollen müssen

13 Gedanken zu „24H Burgenland Extrem Tour 2016

  1. Schade, dass wir uns nicht getroffen haben, ich hätte gerne ein paar Kilometer mit Dir geplaudert. Ich konnte die Neusiedlerseeumrundung nach 27,5 Stunden erfolgreich beenden, werde mir das aber sicher nicht mehr antun. Der zu hohe Asphaltanteil und die (für mich) eher dürftige Verpflegung sind einfach nichts für mich.
    LG
    Christian

  2. Wunderbar geschrieben! Und der Satz “ Aufgeben tut man nur einen Brief.“ ist ja lustig treffend. 🙂
    120km. Wow. Ne Menge am Stück. Ein ehrgeiziges Ziel. Ich selbst überlegte auch mal solche Wanderevents mitzumachen, aber der Ehrgeiz so etwas zu ‚brauchen‘ ist noch nicht so groß. 😉 Na mal sehen, vielleicht packt es mich auch irgendwann einmal.
    Für die nächste Tour wünsche ich dir Power und viel Spaß. Ach und gutes Wetter kann auch nicht schaden. 🙂
    Liebe Grüße. Conny

  3. Ich war auch dabei und hab nach 76 km (mehr aus mentalen Gründen) abgebrochen, was immerhin einen neuen persönlichen Rekord für mich bedeutet. Nächstes Jahr probiere ich es wieder. Auch wenn ich es eine Woche später als kleine persönliche Niederlage sehe, ist ein rechtzeitiges Beenden trotzdem die richtige Entscheidung. Wenn man weiß warum es nicht geklappt hat, kann man darauf aufbauen und es beim nächsten Mal anders machen.

    1. Du sagst es, Thomas. In ein paar Wochen wirst du es wahrscheinlich gar nicht mehr als Niederlage sehen, sondern als Bereicherung und eine Erfahrung, auf die, wie du es sagst, nächstes Jahr darauf aufbauen kannst.

  4. Die wahre Stärke besteht darin aufzugeben wenn man merkt, dass es nicht mehr geht.

    Ich habe auch schon mehrtageswanderungen aufgegeben weil mein Rücken oder mein Knie weh taten. Was sein muss, muss sein. Gesundheit geht immer vor.

    Liebe Grüße
    Mel

    1. Hey Mel.
      Ja, das stimmt. Gut, dass ich meinen Körper ganz gut kenne bzw. kennenlernen durfte. Nächstes Jahr probiere ich es einfach wieder. Und wenn ich dann wieder nur bis Apetlon komme, ist es mir auch egal, die Hauptsache ist, einfach mitzumachen. Sag ich mal so. Sieht vielleicht nächstes Jahr anders aus, da will ich dann doch weiter kommen. 😀
      Liebe Grüße, Martin

  5. Mein größte Bewunderung. Auch ich beendete in Apetlon den Marsch meines Lebens, jedoch aus weit banaleren Gründen als die Deinen. Schon auf der Fahrt zurück kam das schlechte Gewissen ohne Gegewehr der Bequemlichkeit Platz gemacht zu haben. Wohl ich weiss jetzt wo meine Grenzen waren, im Körper jedefalls nicht. Ich freute mich keine Stunde nach dem Ende wieder auf das kommende Jahr. Dann pack ich es!

    1. Auch dir, lieber Wolfgang, meine größte Bewunderung. Du hast teilgenommen, hast es bis Apetlon geschafft und hast wegen anderen Gründen aufgehört. Daraus zu lernen und Erfahrungen mitzunehmen ist sehr wichtig, vor allem für den Start nächstes Jahr. 😉

    1. So fast eine Woche später betrachtet, war es ein unglaublich tolles Erlebnis für mich. Und eine Erleichterung dass ich erstens den Mut hatte, einfach aufzuhören und zweitens, dass mein Knie wieder fit ist.
      Und bei mir würde es wohl heißen: …, wenn es gehlebt wird. 😉

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