Dreitägige Hochschwab-Überschreitung

Überschreitungen macht man mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Solange was fährt. Gut, dass in der Steiermark die Postbusse die ländlichen Gebiete auch an Feiertagen und in der Ferienzeit unsicher machen. Und wer nicht mit der Masse gehen will, geht in die „umgekehrte“ Richtung. So geschehen am Hochschwab.

Kurzinformationen zur Hüttentour

Gesamtlänge und Höhenmeter im Aufstieg: 36 km und 2.510 Hm
Tag 1 – 11,8 km – 890 Hm: Anreise mit der ÖBB nach Bruck/Mur, weiter mit dem Regionalbus 175 nach Tragöß Oberort. Zu Fuß vorbei am Grünen See und über die Russenstraße aufwärts zur Sonnschienhütte (1.523m, geschlafen im Matratzenlager, Hüttenschlafsack erforderlich, Preise normal).
Tag 2 – 11,2 km – 1.110 Hm: Von der Sonnschienhütte auf teils rutschigen Pfaden zum Sackwiesensee, im Auf und Ab auf teils breiteren Almwegen vorbei an der Sackwiesenalm zur Häuselalm (1.526m). Ab hier schmälerer Latschensteig, aber nicht besonders steil ansteigend durch die Hirschgrube auf die Hundsböden. Im leichten Auf und Ab vorbei an Hochwart und Zagelkogel zur Fleischer-Biwakschachtel (2.152m) und steiniger Aufschwung zum Hochschwab (2.277m). Kurzer Abstieg zum Schiestlhaus (2.153m, geschlafen im modernen Matratzenlager, Passivhaus, grundsätzlich etwas teurer, z.B. 5 Euro für 1/2L Bier, da die große Belieferung nur mit Hubschrauber möglich ist).
Tag 3 – 13 km – 510 Hm: Vom Schiestlhaus nicht über den Graf-Meran-Steig zur Voisthalerhütte, sondern weiter durch das mit Murmeltieren bewohnte Ochsenreichkar vorbei am Hutkogel über die Aflenzer Staritzen mit fabelhaften Ausblicken und Steinböcken ostwärts. Abstieg über die Seeleiten auf steilen Serpentinenwegen (nicht knieschonend) durch Hochwald zum Seebergsattel und zur Bushaltestelle. Von hier weiter mit dem Bus nach Mariazell und mit der Mariazellerbahn Himmelstreppe nach St. Pölten (ab Seebergsattel fährt auch wieder ein Bus nach Bruck/Mur bzw. Kapfenberg).

Kartenmaterial für das Gebiet: Alpenverein 18 Hochschwabgruppe, 1:50.000* | freytag & berndt WK 041, 1:50.000* | freytag & berndt WK 5041, 1:35.000* | Kompass WK 212, 1:50.000* | BEV ÖK50 4210* und 4216*

Wanderführer für das Gebiet: Rother Wanderführer Hochschwab* | Kral Wanderführer Hochschwab und Hohe Veitsch* | ÖAV Sektion Weitwanderer Nordalpenweg 01* | ÖAV Sektion Weitwanderer Nord-Süd-Weg 05* | Kral Wanderführer Nordalpenweg 01*

volle Distanz: 36.36 km
Gesamtanstieg: 2519 m
Gesamtabstieg: -2042 m

Tourenbeschreibung

Tag 1: Tragöß Oberort – Grüner See – Sonnschienhütte

15. August 2017, Dienstag, Maria Himmelfahrt. Wir wissen es nicht, aber wir glauben es. Das blaue Wunder am Grünen See. Aber warten wir mal ab…

Fast am Anschlag.

Mit dem Bus überwinden wir die Strecke Bruck/Mur – Tragöß. Auf der Asphaltstraße nähern wir uns dem Grünen See, während Autos an uns vorbeifahren, FußgängerInnen vor und hinter uns sind.

Parkplatz am Grünen See nicht fast, sondern ganz am Anschlag.

Ein Blick auf den Parkplatz genügt, dass ich die Bergwelt dahinter nun ganz, ganz intensiv herbeisehne. Die unbefestigte Fußweg-Autobahn zum Grünen See ignorieren wir gekonnt, biegen zum Kreuzteich ab, genießen ein paar Sekunden Stille und kommen erst danach zum Grünen See. 2014 als schönster Platz Österreichs in einer Fernsehsendung ausgezeichnet. 2014. Heute würde er wohl nicht mehr ausgewählt werden. Während fröhlich und munter Plastikflaschenstöpsel, Zigarettenstummel und Plastikfetzen im See herumschwimmen und die Enten aus den Händen fressen, suchen wir das Weite.

Geheimtipp ums Eck: Kreuzteich.
Hier wuseln alle am schönsten Platz Österreichs herum. Der schönste Platz Österreichs, bevor es der schönste Platz Österreichs wurde.
Enten fressen aus der Hand.
Hier blickt man auf weniger Menschen.

Noch vor der Jassingalm wenden wir uns dem rot markierten Weg 836 Richtung Sonnschienalm zu. Die Russenstraße – im ersten Weltkrieg von russischen Gefangenen angelegt – führt in mehreren Serpentinen auf die Hochfläche am Fuße des Ebensteins. Ein sehr einfacher Hatscher, es geht halt ständig und stetig bergauf. Die Serpentinen können auch auf teils markierten Steigen abgekürzt werden.

Die wunderschön gelegene Sonnschienalm.

Wir sind nicht die einzigen Wandersleut auf der Sonnschienhütte. Nach und nach kommen immer mehr Weitwanderer anmarschiert, doch fast alle sind in Westrichtung unterwegs. Am nächsten Tag ruft uns aber der Osten zu sich. Ein Wiedersehen mit den Hüttenmenschen am nächsten Tag wird mal kategorisch ausgeschlossen.
Auf der Sonnenterrasse der Sonnschienhütte gibt’s Kaspressknödelsuppe (der gefühlt 15. Knödel in den letzten eineinhalb Wochen), der Bezug des Matratzenlagers wird terminisiert. Um 17:30 Uhr erfolgt die Anmeldung, dann darf man aufs Zimmer rauf. Die Speisenauswahl ist nicht besonders üppig, doch sehr schmackhaft und für alle Geschmacksrichtungen ist was dabei. Die Hüttenwirte Koarl und Hermi bewirtschaften seit Oktober 2014 die idyllisch gelegene Sonnschienhütte, auch im Winter bewirtschaften sie die Hütte aktiv. Nur an Montagen gönnen sie sich in den Wintermonaten eine Pause. So wie auch zur Zeit der Jagdsperre von Mitte September bis Mitte Oktober.
Während viel Hochschwabwasser in die Leitung nach Wien tropft, holt sich die Sonnschienhütte das Wasser über eine Tiefquelle und eine Wasserpumpe zu einem Hochbehälter und bereitet es in der Hütte auf. Daher kostet der Liter Wasser € 1,80. Am Abend gibt’s für mich aber sowieso nur Weizen.

Bei der herzhaften Sonnschienhütte lässt es sich aushalten.
Die Sonnschienhütte fügt sich in das Modell der Alm ein.
Miniaturkühe bereichern das Ambiente.
Den Sonnenuntergang auf der Sonnenterrasse erleben.

Tag 2: Sonnschienhütte – Hochschwab – Schiestlhaus

Die Wolken hängen tief und kommen näher. Oder anders gesagt: Wir kommen den Wolken über den leicht zu gehenden und markierten Übergang zum Schiestlhaus näher. Der Nordalpenweg 01 und Nord-Süd-Weg 05 führt leicht hinab zum Sackwiesensee – beliebt für Badeaktionen, nur heute nicht – und vorbei an Sackwiesenalm und Häuslalm wieder leicht bergauf. Leicht restfett anmutende Musiker sind damit beschäftigt, Instrumente und Gerätschaften der Almfeier tags zuvor in ihre Autos zu laden. Weiter auf den schon genannten Weitwanderwegen und deren Anhängsel Vom Gletscher zum Wein sowie BergZeitReise verläuft der Weg nun stetig bergauf durch die Hirschgrube auf die Hundsböden. Erst auf den Hundsböden angekommen – immer wieder habe ich den Duft eines nassen Hundes in der Nase – verziehen sich die Wolken allmählich.

Über gemischten Almboden Richtung Sackwiesensee.
Von Wegweisern und Weitwanderwegen.
Sommermarkierung und Wintermarkierung. Kein Schnee und Schnee.
Sackwiesenalm (im Hintergrund)
Gams weit entfernt.
Sonnige Hundsböden.
Mit speziellem Weitwandererhut auf einem Weitwanderweg. Insider wissen Bescheid.

Der weitere Weg über den Rauchtalsattel wird nur kurz von einem felsigen Abschnitt unterbrochen, welcher sogar mit zwei Ketten versichert ist. Akute Absturzgefahrt besteht aber keine, auch wenn sich immer wieder Dolinen unweit des Weges befinden.

Vor dem Rauchtalsattel wird’s mal etwas schroffer.
Ist da jemand? Fleischer-Biwakschachtel.

Vorbei am Fleischer-Biwak – hier kommt der Aufstiegsweg über das G’hackte hinzu – sind es nur mehr knapp über 100 Höhenmeter zum Gipfel des Hochschwabs mit 2.277 Metern.

Hochschwab – 2.277m
Blick zum Schiestlhaus und ins Salzatal.

Nach einem wohlverdienten Gipfelschnaps geht’s wieder abwärts zum nahegelegenen Schiestlhaus. Kurz nach 13 Uhr landen wir schon bei der Hütte und hier werden wir auch bleiben. Die restlichen Stunden verbringen wir damit die vielen Details in der Hütte zu begutachten, das Plumpsklo auszutesten, ein wenig Hippiefeeling aufzusaugen und Kaspressknödel 16 und 17 zu verschlingen. Die Belegschaft ist freundlich, das Essen und Getränke teuer. Hier werden die Dinge nämlich mit dem Hubschrauber raufgebracht, der Chefkoch freut sich über mitgebrachtes Gemüse und Obst für die Küche. Und wenn du einen Sack Kartoffel auf die Hütte schleppst, wird dir der Betrag gegenverrechnet und es gibt Erdäpfelgulasch am Abend. So easy is des.
Im Gegensatz zur Sonnschienhütte, hat man jedoch nie wirklich das Gefühl, dass man sich auf einer Berghütte befindet. Das 2005 neu gebaute Passivhaus verwandelt sich vor allem zu den Abendstunden in eine Lounge mit Kerzenschein und entsprechender Musik.
Ach ja, das Gewitter, welches am Nachmittag den Hochschwab belagert hatte, verschwand am frühen Abend und sorgte noch für einen grandiosen Sonnenuntergang.

Wengan Rausch warad’s.
Schiestlhaus Innenleben.
Nach Regen folgt Sonnenschein, nach Gewitter folgt Regenbogen.
Blick zum Ötscher.
Mit einem Sonnenuntergang hätten wir nicht mehr gerechnet.

Tag 3: Schiestlhaus – Aflenzer Staritzen – Seebergsattel

Was gibt es Schöneres, als aus dem Fenster zu blicken, zu sehen, dass alles unter 1000 Höhenmetern im Nebel liegt und zu wissen, dass man heute den Panoramaweg über die Aflenzer Staritzen geht. Eben. Nichts.
Die 15 Euro für das Frühstücksbuffet am Schiestlhaus sind das Geld wirklich wert (dafür ist das Wasser kostenlos). Selten so ein feines Hüttenfrühstück – wo wir wieder bei dem Thema „wenig klassisches Hüttenflair“ wären – erlebt. Über die Aflenzer Staritzen kann man mich heute rollen.

Die „Untersteiermark“ liegt in einer Wolkendecke.
Morgentoilette als Herausforderung nach üppigem Frühstück.
Über den Wolken, muss die Freiheit wohl grenzenlos sein…
Etwas weniger Wolken rund um das Schiestlhaus als am Vortag.

Die Anzahl derer, die heute den gleichen Weg wie wir einschlagen, ist äußerst gering. So genießen wir einen einsamen Übergang zur Wegkreuzung am Graf Meran Steig, ignorieren diesen gekonnt und folgen dem Weg 853 weiter hinab ins Ochsenreichkar.

Das Seetal mit Voisthalerhütte ignorieren wir.
Über die Staritzen nach Seeberg (kommt Staritzen von Steinritze?). Ja, da ist außerdem OASCH in der Tagel eingeritzt. Jemandem passen offenbar die Zeitangaben zur Voisthaler Hütte und nach Seewiesen nicht und kommentiert diese mit: „SCHEISSZEITEN ÖAV OASCH“.

Das Ochsenreichkar entpuppt sich als Murmeltierreichkar. Mehr sage ich gar nicht dazu, es ist fast unmöglich, hier kein Murmeltier zu sehen. Denen geht’s hier gut, selbst eine Quelle haben sie zur Verfügung. Auch wir holen sich frisches Wasser, ein paar Gehminuten beschildert und markiert vom Hauptweg entfernt.

Cuteness overload!
Ein wachendes Murmeltier pfeift uns was.
Blick zurück ins Ochsenreichkar.

Der Weg führt nordwärts am Westhang des Hutkogels bergauf auf einen steinigen Sattel, wo wir die nächsten wilden Tiere beobachten können. Ein Rudel Steinböcke hat sich hier versammelt, grast und liegt im Gras. Am weiteren Übergang vorbei an Severinkogel und zur Rotlacken sowie Abzweiger zur Hochweichsel treffen wir an die 50-60 Steinböcke. Zeit also für ein paar Einblicke in das Leben der Steinböcke am Hochschwab.

Anfänglich noch eher schüchtern.
Ein alter Bock.
Der braucht sich nicht umdrehen, der kennt den Anblick.
Suchbild: Wieviele verstecken sich hier?
Ein ruhiger Geselle.
Die haben die Ruhe gepachtet.
Stein hinter Bock.

Was soll ich sagen. Ohne jetzt den Weg durch das Seetal zwischen Seewiesen und Voisthaler Hütte zu kennen, aber wer hier bei Schönwetter nicht oben geht, verpasst mit Sicherheit was. Über einen letzten Sattel geht es Richtung Staritzen Ostgipfel, ehe der Abstieg am Gipfel der Seeleiten hinab zum Seebergsattel führt. Und der Abstieg zählt nicht gerade zur Sorte „attraktiv“. Steil, serpentinenreich, geröllig, im schattigen Latschen- und Waldbereich rutschig, kniefreundlich ist was anderes. Zum Schluss wird’s dann etwas gemütlicher, in der Ferne ist die Straße am Seebergsattel erkennbar. Wenige Minuten später landet man direkt an der Bushaltestelle, dahinter thront das Weitwandererdenkmal der Europäischen Fernwanderwege E4 und E6 und erinnert an den Gründer der Alpenverein Sektion Weitwanderer Carl Hermann.

Die in Wanderkarten noch gerne eingezeichnete Gaststätte am Seebergsattel verköstigt niemanden mehr. Die Sternsinger waren letztmals 2014 hier. Mit diesem Abschluss verabschieden wir uns vom Hochschwab, nehmen den Bus nach Mariazell und die Himmelstreppe nach St. Pölten. Von dort wieder in die Heimat. Seitdem bin ich auf Kaspressknödel-Entzug. Es wird.

Niederösterreich wolkenfrei, Steiermark nicht so.
Ostwärts über die Staritzen.
Kurz vor dem Seebergsattel.
Weitwanderer-Denkmal am Seebergsattel.

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