ÖAV Gletscherbericht 2017/2018 – ewiges Eis mit Ablaufdatum

Der alljährliche Gletscherbericht des Österreichischen Alpenvereins ist heute im Rahmen einer Pressekonferenz in Innsbruck vorgestellt worden. Seit 128 Jahren bilanziert der Gletscherbericht die Veränderungen in Österreichs Gletscherwelt. Die Ergebnisse des aktuellen Berichtes, mit dem Vermessungszeitraum Herbst 2017 – Herbst 2018, zeigen abermals erschreckend schnell schrumpfende Gletscher. Die Tendenz ist klar: Nachfolgende Generationen werden unsere Alpengletscher großteils nur mehr von analogen oder digitalen Ansichtskarten kennen.

Ergebnisse ÖAV Gletscherbericht 2017/2018

Von 93 untersuchten Gletschern haben insgesamt 89 an Masse verloren und vier Gletscher blieben stationär (+/- 1 Meter). Der mittlere Rückzugsbetrag betrug 17,2 Meter, um einiges geringer als der Verlust im Vermessungsjahr davor (25,2 Meter). Dank der im niederschlagsreichen Winter aufgebauten Schneereserven hielt sich der Verlust diesmal etwas in Grenzen. Im langfristigen Betrachtungszeitraum ist dieser Längenverlust jedoch immer noch der fünftstärkste Rückgang seit Beginn der detaillierten Aufzeichnungen im Jahr 1960.

Mit 128 Metern hat das Viltragenkees in der Venedigergruppe am meisten Länge eingebüßt und bliebt als einziger Gletscher mit einem dreistelligen Längenverlust. Die Zunge der Pasterze verlor beispielsweise 31,9 Meter, der Gepatschferner in den Ötztaler Alpen genau 40 Meter. Weitere Erkenntnisse und Erklärungen sowie informative Diagramme sind im Gletscherbericht des ÖAV nachzulesen.


Der aktuelle Gletscherbericht wurde im Magazin bergauf 2/2019 veröffentlicht und ist ebenso online als pdf-Datei einsehbar.
Die Gletscher der Venedigergruppe verloren im Schnitt 40 Meter an Länge.

Gletscherbericht des ÖAV
Bereits in den Gründungsjahren des Vereins wurde der Gletscherforschung ein hoher Stellenwert zugesprochen. Aus diesem Grund gilt die Forschungsreihe als eine der am längsten und bestdokumentierten Messungen weltweit.
Heute finden die Gletschermessungen in allen relevanten Datennetzwerken Berücksichtigung und werden von der Klimaforschung für Rückschlüsse auf klimatische Veränderungen international genutzt.

Ausgewählte Gletscher

Die Ergebnisse zweier oberösterreichischer Gletscher sind aus persönlichen Gründen besonders interessant. Im vergangenen Jahr überquerte ich während meiner Hoamatroas mit einer Seilschaft Gosau- und Hallstättergletscher am Dachstein. Beide Gletscher haben ebenso Längenverluste zu verkünden. Der Gosaugletscher verlor 10,9 Meter, der benachbarte Hallstättergletscher büßte“nur“ 6,4 Meter ein.

Der Weg von der Adamekhütte zur Zunge des Gosaugletschers wird immer länger.

Klimawandel und Gletscherschmelze

Laut einer Studie der ETH Zürich und dem Schweizer Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft ist der Klimawandel mittlerweile so weit fortgeschritten, dass selbst bei starker Reduzierung der Treibhausgase die Alpengletscher bis zum Jahr 2050 die Hälfte ihrer Masse – bezogen auf das Referenzjahr 2017 – verloren haben. Werden die Emissionen weiterhin steigen und somit die Globaltemperatur antreiben, dürften die Alpen bis zur nächsten Jahrhundertwende weitgehend eisfrei sein. Nur noch höhergelegene Gebiete werden sich vereinzelt mit Gletschereis schmücken können. Dies würde aber maximal nur fünf Prozent des aktuellen Gletschervolumens in den Alpen ausmachen. Die massiven Auswirkungen der Gletscherschmelze sind bereits in einem anderen Artikel behandelt worden.

Auch die kaukasischen Gletscher schrumpfen, so wie hier abgebildet in Georgien.

Gletscher schmelzen weltweit

Nicht nur die Gletscher in Österreichs Alpen schmelzen vor sich hin. Neuen Schätzungen zufolge verlieren die weltweit vorhandenen Gletscher aktuell jährlich eine Masse von 335 Milliarden Tonnen Eis. Seit 1961 sind 9.000 Milliarden Tonnen Eis von den Gletschern abgeschmolzen, was alleine einen Meeresspiegelanstieg von 27 Millimetern zufolge hatte. Die aktuellen Schmelzwerte führen zu einem jährlichen Meeresspiegelanstieg von einem Millimeter, dies macht rund 25 bis 30 Prozent des aktuellen Anstiegs aus.

Perito-Moreno-Gletscher in Patagonien. Foto: pixabay

Die größten Beiträge zum Anstieg des Meeresspiegels leisteten dabei die Gletscher in Alaska, gefolgt von den schmelzenden Patagonischen Eisfeldern und den Gletschern in den arktischen Regionen. Die Gletscher in den europäischen Alpen, im Kaukasus und in Neuseeland verloren ebenso erhebliche Mengen an Eis, beim Anstieg des Meeresspiegels spielten sie aber aufgrund ihrer relativ kleinen Fläche nur eine untergeordnete Rolle. Dieser Eisverlust aller Gletscher entspricht in etwa dem Massenverlust des grönländischen Eisschildes und übersteigt deutlich jenen der Antarktis.

Besonders prekär wird sich die Lage für Menschen im Bereich des Himalaya und Hindukusch entwickeln. Diese Gletscher versorgen an die zwei Milliarden Menschen mit Wasser. Solange die Gletscher schmelzen, steht diese Versorgung noch auf halbwackeligen Beinen. Doch keiner vermag sich auszudenken, wenn diese Wasserquelle versiegt.

Zusammenfluss von Zanskar und Indus im Bundesstaat Jammu und Kashmir in Indien. Foto: pixabay

Teufelskreis

Es ist ein Teufelskreis. Je weniger Gletschermasse grundsätzlich vorhanden ist, umso schneller geht die Schmelze vonstatten. Glaziologen behaupten, dass ein Gletscher an die 50 Jahre benötigt, um sich an neue klimatische Bedingungen anzupassen. Selbst wenn wir das CO2 -Ruder herumreißen, werden wir mit schmelzenden Gletschern konfrontiert sein. Die Frage ist nur, wie schnell dies vonstatten gehen wird.



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